{"id":145,"date":"2015-03-16T00:55:00","date_gmt":"2015-03-15T23:55:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nf.dpin.de\/?p=145"},"modified":"2015-03-16T00:55:00","modified_gmt":"2015-03-15T23:55:00","slug":"epath-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/epath-2015\/","title":{"rendered":"EPATH 2015"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.epath.eu\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/epath.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/cropped-logo-epath5.jpg\" alt=\"\" width=\"662\" height=\"126\" \/><\/a>Letztes Wochenende besuchte ich die EPATH Konferenz in Ghent:<br \/>\n<a class=\"moz-txt-link-freetext\" href=\"http:\/\/www.epath.eu\" target=\"_blank\">http:\/\/www.epath.eu<\/a><br \/>\nEPATH = European Professional Association for Transgender Health<br \/>\nDies ist der Europ\u00e4ische Ableger der <a href=\"http:\/\/www.wpath.org\" target=\"_blank\">WPATH<\/a>, W = World. \u00dcber die Mitgliedschaft der <a href=\"http:\/\/www.dgti.org\/\" target=\"_blank\">dgti<\/a> bei <a href=\"http:\/\/www.tgeu.org\" target=\"_blank\">TGEU<\/a> konnte ich dort auch teilnehmen, vor allem zum verg\u00fcnstigten Mitglieder Tarif, was immernoch 200\u20ac waren.<\/p>\n<p>Die Konferenz war gro\u00dfartig! Es war die erste EPATH, d.h. auch gleichzeitig Gr\u00fcndungsveranstaltung. Entsprechend war auch die Stimmung etwas feierlich.<\/p>\n<p>Ich habe eine Reihe von Personen pers\u00f6nlich kennenlernen d\u00fcrfen und flei\u00dfig meine dgti Visitenkarten (danke Patricia!) verteilt, unter anderem an:<br \/>\nNiklaus und Christian Fl\u00fctsch aus der Schweiz, sehr liebenswerte Personen, Niklaus ist TransMann und in der Schweiz \u00e4hnlich bekannt und medial pr\u00e4sent wie die Schweizerin Claudia Sabine Meier, die mich auf meinem Weg durch die Fernsehberichte \u00fcber sie gro\u00dfen Einfluss hatte. Beide haben mich herzlich zur Trans-Tagung nach Bern im Sp\u00e4tsommer eingeladen. Mal sehen wie mein<br \/>\nReisebudget bis dahin aussieht (und mein Urlaub Annette G\u00fcldenring, zu ihr brauche ich wohl nichts zu sagen. Udo Rauchfleisch, mit dem ich nun per-Du bin, sehr netter Mensch. Michael Szukaj aus M\u00fcnster, bekannter Psychologe, der auch viel Trans* macht und einen guten Ruf hat &#8211; jetzt wei\u00df ich warum, ein wirklich netter Mensch. Richard K\u00f6hler, TGEU Chair, ein sehr lebendiger, engagierter und netter Mensch, Timo Nieder, Leiter an der UKE, Mitorganisator der EPATH, Mitglied der Richtlinienkommission in Deutschland. Durch meine Anfrage f\u00fcr die Teilnahme an der EPATH war ihm die dgti und ich sogar noch namentlich bekannt. Und noch einige andere aus dem In- und Ausland. Die Konferenz war mit 350 Teilnehmer <b class=\"moz-txt-star\">voll<\/b>, es mussten bereits \u00fcber 10 abgelehnt werden. Wie gut, dass ich rechtzeitig gebucht hatte.<\/p>\n<p>Doch nun zum Inhalt. Die EPATH ist eine professionelle Konferenz. Hier geht es also um Evidenz und nicht um sch\u00f6ne oder deskriptive Reden. Entsprechend war auch das Niveau der Vortr\u00e4ge und Workshops &#8211; viele Zahlen, viele Grafen. Leider gab es keine Proceedings, d.h. die ganzen tollen PowerPoint Pr\u00e4sentation haben die Pr\u00e4sentatoren nicht mit den Teilnehmern geteilt. Das hatte ich bei anderen Konferenzen auch schon anders. Einige wollen das wohl noch als Paper ver\u00f6ffentlichen, nunja.<\/p>\n<p>Die Stimmung war allgemein gro\u00dfartig. Das Vorurteil, dass &#8222;die Profis&#8220; uns, also Trans*-Menschen, vereinnahmen und wom\u00f6glich f\u00fcr ihre eigenen Zwecke ausnutzen wollten, kann ich nicht im Geringsten best\u00e4tigen. <b class=\"moz-txt-star\">Alle<\/b> Pr\u00e4sentationen hatten nur eine einzige zentrale Fragestellung: Wie k\u00f6nnen Behandler Trans* Menschen noch besser helfen, sie noch besser unterst\u00fctzen, eins mit sich selbst zu werden. Von allen Seiten war gro\u00dfe Offenheit zu sp\u00fcren, offener Diskurs, Fachrichtung \u00fcbergreifend, auch mit nicht-\u00c4rzten, so wie mit mir. Drei gro\u00dfe Themen waren in fast allen Bereichen Dominant:<\/p>\n<ol>\n<li>Wie geht man mit (der steigenden Zahl von) Trans* Kindern und Jugendlichen um?<\/li>\n<li>Wie geht man mit der steigenden Zahl von Gender-Queer Personen um?<\/li>\n<li>Der sogenannte &#8222;Informed Consent&#8220;.<\/li>\n<\/ol>\n<p>1. Hier habe ich mitgenommen, dass das sogenannte &#8222;Dutch Protocol&#8220; zur Zeit wohl Stand der Wissenschaft ist. Im Wesentlichen sieht es vor, dass beginnend ab Tanner 2 oder 3 durch GnRH Analoga die Pubert\u00e4t unterbrochen werden kann. In der Vergangenheit gab es Kritik an dieser Methode, da man sich unsicher war, ob dies zu bleibenden Sch\u00e4den f\u00fchren k\u00f6nnte, wenn man diese dann sp\u00e4ter absetzen oder mit gegengeschlechtlichen Hormonen substituieren w\u00fcrde. Alle vortragenden \u00c4rzte best\u00e4tigten aber einhellig, dass keine Fehlbildungen durch die Gabe von GnRHa Analoga in irgendwelchen Studien bisher nachweisbar waren. Als Beispiele wurden Knochendichte und Hirnmasse angegeben und beide entwickelten sich sp\u00e4ter geschlechtsspezifisch unter den<br \/>\nentsprechenden geschlechtsspezifisch Hormonen weiter. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass eine verschobene Pubert\u00e4t durch GnRH Analoga keine sch\u00e4dlichen Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder hat. Nach L\u00e4ndern unterschiedlich, werden teils schon ab 14 Jahren gegengeschlechtliche Hormone gegeben &#8211; auch bisher ohne negative Auswirkung, eher im Gegenteil, da dann eine identit\u00e4tsgeschlechtliche normale Entwicklung stattfinden kann. Ein sp\u00e4terer Rollenwechsel zur biologischen Rolle ist nicht h\u00e4ufiger, als bei Erwachsenen &#8211; und auch dort ist es sehr selten.<\/p>\n<p>2. Nicht nur die Zahl von Trans* Kindern steigt in den letzten Jahren kontinuierlich an (Grafiken sahen fast exponentiell aus), sondern fast in gleichem Ma\u00dfe steigt die Zahl von Personen, die sich nicht im bin\u00e4ren System verorten k\u00f6nnen oder wollen, dennoch aber \u00c4rzte f\u00fcr Unterst\u00fctzung aufsuchen. Manche wollen sehr dezidiert nur Hormone, andere nur eine bestimmte OP etc. Zur Zeit sind alle Behandlungs-Schemata nur auf Transsexualit\u00e4t ausgerichtet, d.h. auf den Wechsel von einem Bin\u00e4r zum anderen. Ein Zwischendrin ist kaum abbildbar und bringt die Behandler in<br \/>\ngro\u00dfer Schwierigkeiten. Nicht nur in Deutschland sind die Kostentr\u00e4ger die eigentlichen Bremser, eher nicht die \u00c4rzte. Doch ohne die Kostentr\u00e4ger k\u00f6nnen sie eben auch nicht behandeln. Entsprechend ist es offen, wie Gender-Queer Menschen geholfen werden kann. Das leitet dann auch \u00fcber zum<\/p>\n<p>3. &#8222;Informed Consent&#8220;, jetzt wird es etwas l\u00e4nger. Einer der Vortr\u00e4ge war von Dr. Anita Radix vom Callen Lorde Health Center in New York:<br \/>\n<a class=\"moz-txt-link-freetext\" href=\"http:\/\/www.thebody.com\/content\/art49123.html\">http:\/\/www.thebody.com\/content\/art49123.html<\/a><br \/>\nsowie einer Kollegin von ihr aus San Francisco, Dr. Madeline Deutsch:<br \/>\n<a class=\"moz-txt-link-freetext\" href=\"http:\/\/www.ucsfhealth.org\/madeline.deutsch\">http:\/\/www.ucsfhealth.org\/madeline.deutsch<\/a><\/p>\n<p>Die beiden referierten zum &#8222;Informed Consent Model&#8220; (ICM) als Alternative zum mehrstufigen Gatekeeper Model, dass so im Prinzip auch noch in den Standards of Care steht. Ich war w\u00e4hrend des Vortrags ernsthaft den Tr\u00e4nen nahe und musste danach erstmal ein paar Minuten auf die Toilette zum Augen trocknen &#8211; mit einem enormen Klo\u00df im Hals schaffte ich es zuvor eben gerade noch, vor allem Anita meinen tiefsten Dank f\u00fcr Ihre Arbeit auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Was war daran so besonders?<\/p>\n<p>Anita ist \u00c4rztin aus tiefster \u00dcberzeugung. Sie m\u00f6chte Menschen helfen, aher arbeitet sie auch in einem Health Center. Das ist eine teils private, teils staatlich finanzierte Klinik, in der vor allem Menschen behandelt werden, die keine Krankenversicherung und auch sonst kaum oder kein Geld haben. Das ist in den USA leider ein gro\u00dfes Problem. Sie hat zudem auch noch Wurzeln, \u00fcber ihre eigene Herkunft, in der Karibik. Sie engagiert sich insbesondere f\u00fcr stigmatisierte und diskriminierte Bev\u00f6lkerungsgruppen &#8211; Menschen mit ansteckenden Krankheiten (HIV, Hepathitis etc.) und eben auch f\u00fcr LGBT Menschen, gerade auch f\u00fcr Transgender. Insbesondere Transgender in der Karibik haben es alles andere als leicht. Bis vor kurzem noch war das praktisch strafbar! Mit etwas Pech konnte man lebenslang im Gef\u00e4ngnis enden! \u00c4rzte sind entsprechend kaum zu finden und kaum bereit, auch nur eine einzige Hilfe zu geben &#8211; von staatlicher Hilfe gar nicht erst zu reden.<\/p>\n<p>Es gibt Regionen auf der Welt, gegen\u00fcber denen unsere Trans* Probleme l\u00e4cherlich aussehen.<\/p>\n<p>Doch es gibt eben Menschen wie Anita oder Madeline, die etwas tun und in der Not auch ungew\u00f6hnliche Wege gehen, auch gegen Widerst\u00e4nde.<\/p>\n<p>Die Situation in den USA ist in einigen Belangen fast mit der von Entwicklungsl\u00e4ndern vergleichbar. Wer kein Geld hat, hat kaum M\u00f6glichkeiten an medizinische Trans* Versorgung zu kommen. Es gibt, \u00e4hnlich wie bei uns, ohnehin nur wenige \u00c4rzte, die sich damit besch\u00e4ftigen und auskennen und davon sind dann noch weniger ohne Geld erreichbar. Die wenigen Gesundheitszentren, wie Callen Lorde, sind also f\u00fcr das Gros der Menschen nur mit M\u00fche \u00fcberhaupt r\u00e4umlich erreichbar. Hinzu kommt die m\u00f6gliche Stigmatisierung und Diskriminierung.<\/p>\n<p>Das erh\u00f6ht den Druck auf Transgender. Das Outing ist schon schwer genug, doch eine Transition f\u00fcr viele praktisch unm\u00f6glich, r\u00e4umlich und finanziell. \u00c4rzte wissen das und einige tun etwas dagegen.<\/p>\n<p>Anita und Madeline benutzen das &#8222;informed consent model&#8220; (ICM). Ganz kurz gesagt, wenn der_die Patient_in klar macht, dass er_sie wei\u00df, was sie da tut und was es bedeutet, dann wird es gemacht, fertig. Keine psychologische Zwangs-Therapie, keine Diagnose, keine Wartezeiten, kein Gate-Keeping. Ich habe noch mit einer anderen \u00c4rztin aus Chicago gesprochen, die auch an einem solchen Health Center arbeiten (Howard Brown), sie macht das auch &#8211; die Patienten_innen kommen morgens dort hin und gehen Abends mit Hormonen nach Hause.<\/p>\n<p><a class=\"moz-txt-link-freetext\" href=\"http:\/\/callen-lorde.org\/transgender-health-services\/\">http:\/\/callen-lorde.org\/transgender-health-services\/<\/a><\/p>\n<p>Die Richtlinien und praktisch ein How-To gibt es hier:<\/p>\n<p><a class=\"moz-txt-link-freetext\" href=\"http:\/\/issuu.com\/callenlorde\/docs\/tg_protocols_2014_v.5\/43?e=8526609\/10794503\">http:\/\/issuu.com\/callenlorde\/docs\/tg_protocols_2014_v.5\/43?e=8526609\/10794503<\/a><\/p>\n<p>Im Prinzip leitet sich dies ab aus der Universal Declaration of Human Rights:<\/p>\n<p>&#8222;All human beings are born free and equal in dignity and rights.&#8220;<\/p>\n<p>Dies schlie\u00dft den eigenen K\u00f6rper ein &#8211; es ist das Recht jedes Menschen frei \u00fcber seinen K\u00f6rper zu bestimmen.<\/p>\n<p>&#8222;Ja aber&#8220;, sagen dann die Kritiker, &#8222;das hat doch Risiken? Bleibende Wirkungen? Da muss doch der Mensch vor dem Menschen besch\u00fctzt werden!&#8220;<\/p>\n<p>Wirklich? Nein.<\/p>\n<p>Verfolgt man diese Logik weiter, m\u00fcssten wir viel mehr verbieten oder erst nach psychologischen Gutachten zulassen: T\u00e4towierungen, Piercings, kosmetische Operationen, Risikosportarten etc. Das steht in keinem Verh\u00e4ltnis. Da fragt niemand nach einem Gutachten, nach therapeutischer Begleitung oder nach einer Erlaubnis Dritter. Es ist die pers\u00f6nliche Freiheit der Betroffenen, sich selbst daf\u00fcr zu entscheiden, Risiken ihrer eigenen Selbstverwirklichung selbst zu bewerten und auch selbst einzugehen.<\/p>\n<p>Warum sind wir Trans* Menschen so anders?<\/p>\n<p>Schlimmer noch, ob ich Ski fahre oder nicht ist etwas, dass ich zu meiner Bereicherung und vielleicht Spa\u00df mache. Aber es ist kein unabdingbares Bed\u00fcrfnis. Jede_r Skifahrer_in k\u00f6nnte sicherlich auch ohne auskommen. Wir aber m\u00fcssen diese Ver\u00e4nderungen durchmachen, damit wir endlich ein selbstbestimmtes und freies Leben f\u00fchren k\u00f6nnen. F\u00fcr uns ist es keine freie Wahl. Sich dann nicht frei daf\u00fcr entscheiden zu k\u00f6nnen, sondern an den formalen Gegebenheiten, Pathologisierung und damit Stigmatisierung und Diskriminierung zu zerschellen, ist offene Gewalt. Man tut uns Gewalt an, das ist mir nun klar geworden.<\/p>\n<p>Wir haben in Deutschland ein System, dass es halbwegs erlaubt, sich selbst zu verwirklichen, allerdings mit erheblichen Einschr\u00e4nkungen, die uns, glaube ich, nicht immer sofort bewusst sind oder werden. Der Blick ins Ausland durch die Vortr\u00e4ge der Konferenz hat mir daf\u00fcr die Augen ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Egal wie man zur Dichotmie der Geschlechter auch stehen mag, es ist zur Zeit in Deutschland so, dass das System Trans* Menschen dazu zwingt, sich als transsexuell zu bekennen, ob sie es nun wollen oder nicht, ob sie sich damit beschrieben f\u00fchlen oder nicht. Um an Ma\u00dfnahmen, seien sie rechtlich oder medizinisch, zu kommen, m\u00fcssen wir uns wieder in die Dichotomie einordnen, uns dem bin\u00e4ren Modell unterwerfen. Transsexualit\u00e4t l\u00e4sst keine Spielr\u00e4ume und alle Formalismen, die wir haben, erzwingen genau dies. Dies wiederum zwingt alle Trans* Menschen in dieses System.<\/p>\n<p>Ich werde versuchen, dazu einen Aufsatz zu schreiben: &#8222;Transsexuelle gibt es nicht &#8211; sie werden vom System gemacht!&#8220; Das wird allerdings ein bisschen brauchen, denn ich das nicht nur behaupten, sondern auch belegen k\u00f6nnen&#8230;<\/p>\n<p>Denn schaut man in diese L\u00e4nder, wie z.B. den USA, in denen durch den medizinischen Versorgungsnotstand einige mutige \u00c4rzte eine &#8222;Abk\u00fcrzung&#8220; genommen haben, dann stellt man fest, dass ihre Patienten zufrieden und gl\u00fccklich sind! Und das ganz ohne sich f\u00fcr eine Seite der Binarit\u00e4t entscheiden zu m\u00fcssen. Manche tun es, doch manche eben auch nicht &#8211; warum auch immer, doch das ist dann eben ihre Entscheidung und nicht die Entscheidung von \u00c4rzten. Biologische Frauen m\u00fcssen nicht sagen, sie seien eigentlich ein Mann, um an Testosteron zu kommen. Biologische M\u00e4nner m\u00fcssen nicht sagen, sie seien eigentlich eine Frau, um an \u00d6strogen zu kommen.<\/p>\n<p>Die \u00c4rzte haben ohnehin festgestellt, dass die Zwangs-Diagnose &#8222;Transsexualismus&#8220; nur dazu f\u00fchrt, dass sich die Narrative der Patienten sehr stark \u00e4hneln. Trans* Menschen wissen nat\u00fcrlich was sie sagen m\u00fcssen, um an bestimmte Behandlungen zu kommen. Eine belgische Studie hat gezeigt, dass Trans* Menschen \u00fcberdurchschnittlich intelligent sind. Sie l\u00fcgen oft nur, um an das zu\u00a0 kommen, was sie f\u00fcr sich bereits l\u00e4ngst wissen und beschlossen haben. Schlimmer noch beeinflussen die auf diese Weise erzwungenen Narrative auch die Selbstwahrnehmung und Selbstdefinition.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Arzt-Patienten Verh\u00e4ltnis gibt es nichts sch\u00e4dlicheres, als ein_e Patient_in der_die l\u00fcgt. Nachweislich werden dadurch unter Umst\u00e4nden wirklich bedenkliche Begleitumst\u00e4nde bewusst verheimlicht oder sogar bewusst dar\u00fcber gelogen. Das Vertrauensverh\u00e4ltnis zwischen Arzt und Patient ist vom ersten Augenblick an fundamental gest\u00f6rt. Der Patient kann nicht in die richtige Behandlung einbezogen werden. Es kann fatale Auswirkungen haben, wenn aus Angst vor einer Ablehnung der Behandlung andere Krankheiten oder Symptome verschwiegen werden.<\/p>\n<p>Das &#8222;informed consent model&#8220; (ICM) geht von einem ganz anderen Ansatz aus. Die Patienten, die dann endlich \u00fcberhaupt die \u00dcberwindung schaffen zu einem Arzt zu gehen, wissen in der Regel sehr gut \u00fcber sich und ihren Zustand bescheid. Oft weit besser, als es ein Arzt in kurzer Zeit k\u00f6nnte. Meist wissen die Patienten auch sehr gut, was sie m\u00f6chten, ja was sie brauchen. Dies oft sogar besser als die \u00c4rzte selbst. Im ICM wird der Arzt vom Gatekeeper, den man bel\u00fcgen musste, zum verst\u00e4ndnisvollen Helfer, zum echten Unterst\u00fctzer. Die Patienten werden nicht mehr in Frage gestellt, sondern es wird vom ersten Augenblick an davon ausgegangen, dass der Patient wei\u00df, was er_sie sagt und w\u00fcnscht. Es gibt keine Notwendigkeit mehr f\u00fcr die Patienten, sich rechtfertigen zu m\u00fcssen, ihre Identit\u00e4t rechtfertigen oder gar beweisen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wir wissen selbst zur Gen\u00fcge, was es bedeutet, diese H\u00fcrden nehmen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte jetzt viel einwenden, z.B. die Leute k\u00f6nnten es, wenn sie nicht genug &#8222;gepr\u00fcft&#8220; wurden, bereuen oder gar die \u00c4rzte verklagen.<\/p>\n<p>Gerade die USA sind bekannt f\u00fcr ihre Klagefreudigkeit, gerade wenn es um Schadenersatz geht. Einige \u00c4rzte arbeiten bereits seit \u00fcber <span style=\"text-decoration: underline\"><span class=\"moz-txt-underscore\">zehn<\/span><\/span> Jahren nach dem ICM und es gab noch KEINEN EINZIGEN Fall, in dem ein Arzt oder \u00c4rztin verklagt wurde. Keinen. Es gibt keine formellen Studien dazu, doch die beiden, also Anita und Madeline versuchen andere \u00c4rzte vom ICM zu \u00fcberzeugen und sprechen also mit vielen. Sie konnten das von vielen Erfahrungsberichten best\u00e4tigen. Auch ist die Quote f\u00fcr Bereuen bei den Patienten h\u00f6chstens gleich hoch, wie bei jenen, die das SoC Prozedere mit Fristen und Therapie durchlaufen haben. Es macht also de-facto keinerlei Unterschied, nur das den ICM Patienten deutlich weniger Gewalt angetan wurde, was auch darin resultiert, dass ihre<br \/>\ndurchschnittliche Zufriedenheit h\u00f6her liegt.<\/p>\n<p>Die SoC sind weitreichend anerkannte Richtlinien zur Behandlung von Trans* Menschen. Das ICM ist sogar von den SoC Version 7 gedeckt! Wer also auch in Deutschland nicht auf Verlangen eine Aufkl\u00e4rung und dann HRT bekommt, sollte streng genommen auf die SoC V7 verweisen. Wir alle wissen nat\u00fcrlich, dass dieser Hinweis den Betroffenen nichts nutzen wird. Aber wir als dgti k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nach dieser EPATH habe ich es mir zum Ziel gesetzt, das ICM (Informed Consent Model) auch in Deutschland zu propagieren &#8211; z.B. auch durch Aufkl\u00e4rung von \u00c4rzten. In anderen L\u00e4ndern wird die HET durch ICM vom Hausarzt verschrieben! Studien belegen, dass davon keine wirklichen Gesundheitsrisiken ausgehen. Die z.B. oft ins Feld gef\u00fchrte Thrombosegefahr durch Estradiol hat sich in keiner klinischen Studie nachweisen lassen. Es gibt bekannte Risiken, doch die gelten f\u00fcr die Hormon-Substitution z.B. nach Menopause genauso. Trans*-Menschen sind hier kein St\u00fcck anders. Warum kann dies also bei der Menopause der Hausarzt verschreiben, bei einem Trans*-Menschen braucht es spezialisierte Endokrinologen? Tenor der Konferenz: Braucht es auch nicht, das sagten selbst die Endokrinologen.<\/p>\n<p>Fast alles ist reversibel &#8211; selbst die Zeugungsf\u00e4higkeit kehrt nach einiger Zeit nach Absetzen von \u00d6strogenen (und zur Not etwas Nachhelfen mit Testosteron) in biologischen M\u00e4nnern zur\u00fcck, umgekehrt wohl auch bei biologischen Frauen. Bestes Beispiel ist der TransMann in den USA, der gerade letztes Jahr ein Kind geboren hat. \u00dcber &#8222;Nebenwirkungen&#8220;, wie Brustwachstum bzw. Stimmbruch und K\u00f6rperbehaarung, muss aufgekl\u00e4rt werden &#8211; mehr braucht es aber nicht.<\/p>\n<p>Der wahre Grund f\u00fcr die Zur\u00fcckhaltung der \u00c4rzte ist haupts\u00e4chlich Unwissen. Unwissen und unbestimmte \u00c4ngste, gepaart mit vorauseilendem Gehorsam, wegen minimaler Risiken die Patient_innen vor sich selbst besch\u00fctzen zu m\u00fcssen. Treibt man das ICM weiter, so w\u00fcrde sogar bis zur GaOP (SRS) jegliche Psycho &#8222;Behandlung&#8220; sogar v\u00f6llig unn\u00f6tig. In einigen L\u00e4ndern sind nachweisliche Monate mit HET alleinige Voraussetzung f\u00fcr eine GaOP. Die HET macht auch medizinisch Sinn, da sich unter der HET der K\u00f6rper in einigen Aspekten ver\u00e4ndert, die Einfluss auf den Verlauf der GaOP und das sp\u00e4tere Ergebnis haben. Doch mehr als HET sollte es nicht brauchen &#8211; schon gar nicht irgendwelche psychologischen Begutachtungen.<\/p>\n<p>Also Ihr merkt schon, ich k\u00f6nnte da noch ein paar Stunden weiter schreiben, lasse das aber an der Stelle erstmal.<\/p>\n<p>Es war eine tolle Konferenz. Ich habe das gute Gef\u00fchl mitgenommen, dass es viele Behandler gibt, die uns wirklich wohl gesonnen sind. Ich werde ganz sicher versuchen, wenn ich es irgendwie finanzieren kann und Urlaub bekomme, n\u00e4chstes Jahr die WPATH in Amsterdam und 2017 die zweite EPATH in Belgrad (Serbien) zu besuchen. Der Einblick in den wissenschaftlichen Stand zu Trans* ist wertvoll und die Kontakte ganz sicher auch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letztes Wochenende besuchte ich die EPATH Konferenz in Ghent: http:\/\/www.epath.eu EPATH = European Professional Association for Transgender Health Dies ist der Europ\u00e4ische Ableger der WPATH, W = World. \u00dcber die Mitgliedschaft der dgti bei TGEU konnte ich dort auch teilnehmen, vor allem zum verg\u00fcnstigten Mitglieder Tarif, was immernoch 200\u20ac waren. Die Konferenz war gro\u00dfartig! 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