{"id":1545,"date":"2020-03-31T01:11:46","date_gmt":"2020-03-30T23:11:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/?p=1545"},"modified":"2020-03-31T01:13:05","modified_gmt":"2020-03-30T23:13:05","slug":"emanzipation-letzte-grenze-geschlecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/emanzipation-letzte-grenze-geschlecht\/","title":{"rendered":"Emanzipation &#8211; Letzte Grenze Geschlecht"},"content":{"rendered":"<h3>Anl\u00e4sslich des heutigen Transgender Day of Visbility, 31. M\u00e4rz 2020<\/h3>\n<p>Lid straffen, Lippen aufspritzen, Stirn Lifting, Brustvergr\u00f6\u00dferung, Wangen- und Lippenimplantate, Nasenkorrektur und so weiter und so weiter. Alles dies sind gef\u00e4hrliche und meist nicht v\u00f6llig r\u00fcckg\u00e4ngig zu machende medizinische Eingriffe. T\u00e4towierungen an beliebigen Stellen des K\u00f6rpers, gro\u00dffl\u00e4chig oder klein, Piercings und andere K\u00f6rperver\u00e4nderungen sind dauerhafte Eingriffe in den K\u00f6rper, die sogar nicht Mediziner_innen legal an Menschen t\u00e4glich zu hunderten durchf\u00fchren. Alle diese Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnen ein Menschenleben dauerhaft und unumkehrbar tiefgreifend ver\u00e4ndern. Sie k\u00f6nnen zu Ausgrenzung und Diskriminierung f\u00fchren und damit gro\u00dfes Leid bei den Betroffenen ausl\u00f6sen, f\u00fcr den Rest ihres Lebens.<\/p>\n<p>&#8222;Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Pers\u00f6nlichkeit&#8220;, so sagt es das <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/gg\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow noreferrer\">Grundgesetz<\/a> in Artikel 2, mit der Einschr\u00e4nkung &#8222;soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung oder das Sittengesetz verst\u00f6\u00dft.&#8220;. Solche Ver\u00e4nderungen sind als Ausdruck der Pers\u00f6nlichkeit und im Rahmen dieses Entfaltungsrechts erlaubt. Dies ist auch gut so, in einer freiheitlich pluralistischen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Personen, die solche Ver\u00e4nderungen an anderen Menschen durchf\u00fchren, m\u00fcssen sich zuvor von der Entscheidungs- und Urteilsf\u00e4higkeit der zu behandelnden Person \u00fcberzeugen und d\u00fcrfen im Zweifelsfall die Eingriffe nicht vornehmen. So bestimmt es auch das B\u00fcrgerliche <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/bgb\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow noreferrer\">Gesetzbuch (BGB)<\/a>.<\/p>\n<p>&#8222;Alle Menschen sind frei und gleich an W\u00fcrde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt&#8230;&#8220;, so steht es der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Allgemeine_Erkl%C3%A4rung_der_Menschenrechte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow noreferrer\">allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte<\/a>. Wir m\u00f6chten davon ausgehen, dass alle Menschen frei sind, frei in ihren Entscheidungen und unterstellen allen zun\u00e4chst, dass sie diese Entscheidungen auch mit Vernunft treffen. Nur in ganz besonderen F\u00e4llen schr\u00e4nken wir Grundrechte, wie die freie Entfaltung oder die freie Entscheidung ein, n\u00e4mlich dann, wenn davon auszugehen ist, dass eine Person gerade nicht einsichts- oder entscheidungsf\u00e4hig ist. Die Grenzen hierf\u00fcr sind sehr eng gesteckt, denn es geht schlie\u00dflich um Einschnitte in Grundrechte.<\/p>\n<p>Eine solche Grenze sind psychische Erkrankungen, die zeitweise oder dauerhaft die Vernunft einer Person au\u00dfer Kraft setzen oder stark beeintr\u00e4chtigen. Es gibt aber auch noch eine weitere solche Grenze, die jedoch nirgends ausdr\u00fccklich benannt wird, n\u00e4mlich das Geschlecht. Der Deutsche Staat verweigert seit Jahren, rechtlich gegen die medizinisch chirurgische Zwangsnormierung von neugeborenen intersexuellen Kindern vorzugehen. Besser w\u00e4re es vorzuschreiben abzuwarten, bis diese einsichts- und entscheidungsf\u00e4hig sind, um selbst \u00fcber sich und ihren K\u00f6rper zu bestimmen. An anderer Stelle verweigert der Staat einsichts- und entscheidungsf\u00e4higen Menschen, eigens \u00fcber ihre Reproduktionsorgane zu bestimmen, dies verbietet, bis auf sehr wenige Ausnahmen, das <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/kastrg\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow noreferrer\">Kastrationsgesetz<\/a>.<\/p>\n<p>Die Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit eines Menschen wird in Deutschland nach wie vor nach der Geburt am Genital bemessen &#8211; im wahrsten Sinne des Wortes. Sollte eine Person im Verlauf ihrer Entwicklung jedoch feststellen, dass sie sich nicht mit dem ihr bei Geburt zugewiesene Geschlecht identifizieren kann, so gilt f\u00fcr sie das seit 1981 weitgehend g\u00fcltige <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/tsg\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow noreferrer\">Transsexuellengesetz (TSG)<\/a>.<\/p>\n<p>Das TSG folgt der Auffassung, dass trans* Menschen unter einer tiefgreifenden psychischen St\u00f6rung leiden, ihnen also hinsichtlich ihrer pers\u00f6nlichen Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit die n\u00f6tige Entscheidungs- und Urteilsf\u00e4higkeit fehlt. Entsprechend darf nur im Ausnahmefall und nach intensiver zweifacher psychologischer oder psychiatrischer Begutachtung dem Wunsch einer solchen Person nachgegeben werden und der amtliche Gechlechtseintrag und auf Wunsch auch der Vorname ge\u00e4ndert werden.<\/p>\n<p>Dann ist doch alles klar, k\u00f6nnte man meinen?<\/p>\n<p>Falsch. Seit Jahrzehnten wurde wissenschaftlich darum gerungen, ob zum Beispiel Homosexualit\u00e4t eine Krankheit sei und wenn ja, in welchen Fachbereich diese denn fiele. Mit immer besseren Untersuchungsmethoden musste man bald feststellen, dass es sich wohl um kein nachweisbares k\u00f6rperliches &#8222;Leiden&#8220; handelte und so blieb als einziges noch eine psychische Erkrankung \u00fcbrig. Doch auch dies wurde immer zweifelhafter, bis man dann 1992 endlich ein Einsehen hatte und fortan nicht mehr von einem krankhaften und damit heilungsbed\u00fcrftigen Zustand sprach. Im Gegenteil ist heute Homosexualit\u00e4t unter staatlichen Diskriminierungsschutz gestellt, ein Verbot von Konversionstherapien ist gerade in Arbeit.<\/p>\n<p>Homosexuelle Menschen genie\u00dfen rechtliche Gleichstellung mit heterosexuellen, inzwischen bis zur Ehe. Die Frage, ob sich ein Mensch hetero- oder homosexuell empfindet, wird dabei jedem selbst \u00fcberlassen, wenngleich die Auswirkungen davon lebensver\u00e4ndernd, teils irreversibel und sehr weitreichend sind. Doch man musste einsehen, dass trotz jahrzehntelanger intensiver Suche keine objektivierbaren Kriterien gefunden werden konnten, die entweder eine k\u00f6rperliche oder psychische Ursache nachweisbar, schon gar nicht &#8222;heilbar&#8220; machten. Es ist eine dieser Entscheidungen der pers\u00f6nlichen Entfaltung &#8211; bin ich homosexuell? Und wenn ja, wie gehe ich damit um?<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich soll unsere freiheitlich pluralistische Gesellschaft die Selbstwahrnehmung eines Menschen achten, die Einsicht und entsprechende Entscheidungen akzeptieren und die Person in ihrer freien Entfaltung besch\u00fctzen. Dies gilt universell, f\u00fcr alle und entsprechen auch f\u00fcr homosexuelle Menschen. Nur nicht f\u00fcr trans* Menschen.<\/p>\n<p>Genau hier liegt eine der letzten gro\u00dfen Barrieren unseres Staates und unserer Gesellschaft, die Selbstbestimmung \u00fcber das eigene, pers\u00f6nliche Geschlecht. Nach aktuell g\u00fcltigen medizinischen Standards gelten trans* Menschen in Deutschland nach wie vor als psychisch krank, der aktuell noch g\u00fcltige ICD-10-GM listet &#8222;Transsexualit\u00e4t&#8220; als <a href=\"https:\/\/icdcode.info\/deutsch\/icd-10-gm\/code-f64.0.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow noreferrer\">F64.0<\/a> in der Kategorie der &#8222;Pers\u00f6nlichkeits- und Verhaltensst\u00f6rungen&#8220;. Auf genau dieser Annahme basiert auch das Transsexuellengesetz aus dem Jahr 1981.<\/p>\n<p>Dabei ist sich die medizinische Wissenschaft inzwischen einig, Trans* oder &#8222;Geschlechtsdysphorie&#8220;, wie es neu heisst, ist an sich keine psychische St\u00f6rung und schon gar keine Krankheit. Wohl aber kann trans* zu sein psychische Erkrankungen ausl\u00f6sen, n\u00e4mlich gerade dann, wenn trans* Menschen ihre freie Entfaltung verwehrt wird. Ebenfalls wissenschaftlicher Konsens ist, dass es keine objektivierbaren diagnostischen Kriterien gibt, anhand derer Dritte bestimmen k\u00f6nnten, ob eine Person trans* ist oder nicht; was damit auch ganz direkt gegen die zweifache Begutachtungsvorschrift des TSG spricht.<\/p>\n<p>Niemand kann \u00fcber eine andere Person sagen, ob diese trans* sei oder nicht. Was wir aber sehr wohl sagen k\u00f6nnen ist, wird eine trans* Person durch Dritte permanent infrage gestellt oder gar gezwungen, sich als nicht-trans* zu geben (vgl. Konversionstherapie), dann sind schwere psychische Erkrankungen bishin zu Suizid sehr wahrscheinlich &#8211; eine <a href=\"https:\/\/pediatrics.aappublications.org\/content\/142\/4\/e20174218\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow noreferrer\">US-Amerikanisch Studie<\/a> gibt die Suizidalit\u00e4t bei trans* Jugendlichen als mehr als das Zehnfache gegen\u00fcber der allgemeinen Bev\u00f6lkerung an; bis zu 50% der befragten trans* Jugendlichen gaben an, mindestens einmal ernsthafte Suzidgedanken gehabt oder sogar bereits Versuche hinter sich zu haben.<\/p>\n<p>Wenn wir also wissen, dass niemand das trans*-Sein einer Person \u00fcberpr\u00fcfen kann, wir aber ebenso wissen, dass es trans* Menschen krank macht, wenn man sie zum Unterdr\u00fccken ihres Seins zwingt, sie damit sogar bis in den Suizid treiben kann, worauf warten wir dann noch?<\/p>\n<p>&#8222;Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Pers\u00f6nlichkeit&#8220; &#8211; auch trans* Menschen.<\/p>\n<p>(c) 31. M\u00e4rz 2020, CC-BY Nicole Faerber<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des heutigen Transgender Day of Visbility, 31. M\u00e4rz 2020 Lid straffen, Lippen aufspritzen, Stirn Lifting, Brustvergr\u00f6\u00dferung, Wangen- und Lippenimplantate, Nasenkorrektur und so weiter und so weiter. Alles dies sind gef\u00e4hrliche und meist nicht v\u00f6llig r\u00fcckg\u00e4ngig zu machende medizinische Eingriffe. T\u00e4towierungen an beliebigen Stellen des K\u00f6rpers, gro\u00dffl\u00e4chig oder klein, Piercings und andere K\u00f6rperver\u00e4nderungen sind dauerhafte Eingriffe in den K\u00f6rper, die&#8230; <a href=\"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/emanzipation-letzte-grenze-geschlecht\/\">Read more &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1546,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,6],"tags":[67],"class_list":["post-1545","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-politik-gesellschaft","category-trans","tag-tdov"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1545","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1545"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1545\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1547,"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1545\/revisions\/1547"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1546"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1545"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1545"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1545"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}