{"id":2169,"date":"2023-05-19T15:55:24","date_gmt":"2023-05-19T13:55:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/?p=2169"},"modified":"2025-05-01T01:08:15","modified_gmt":"2025-04-30T23:08:15","slug":"energiewende-aber-die-netze-wirklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/energiewende-aber-die-netze-wirklich\/","title":{"rendered":"Energiewende &#8211; Aber die Netze! Wirklich?"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal frage ich mich, \u00fcber was wir uns alles eigentlich die K\u00f6pfe zerbrechen oder sogar streiten? Da ist bspw. immer wieder die Rede davon, dass die Energiewende hin zu mehr Verbrauchern auf Basis von elektrischem Strom die Verteilnetze gerade in den Ortschaften zu den privaten Wohnh\u00e4usern gef\u00e4hrden w\u00fcrde. Das wenn alle Photovoltaik Anlagen in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab auf Ihre Wohnh\u00e4user bauen w\u00fcrden, die Netze damit \u00fcberfordert w\u00e4ren. Wallboxen f\u00fcr E-Autos und W\u00e4rmepumpen w\u00fcrden die Netze zusammenbrechen lassen.<\/p>\n<p>Aber ist das wirklich realistisch? Was passiert tats\u00e4chlich?<br \/>\nSchauen wir doch mal ein wenig auf ein paar Daten und Fakten.<\/p>\n<p>Zuerst ein kleiner R\u00fcckblick. Als in den 1970er Jahren die erste \u00d6lkrise stattfand, war Europa und Deutschland in heller Aufregung. Nicht nur konnten Autos nicht tanken, sondern auch \u00d6l Heizungen bekamen ein Problem. In der Folge wurde massiv f\u00fcr nicht-\u00d6l Heizungen geworben, darunter auch sogenannte Nachtspeicher Heizungen. Diese finden sich heute noch in gro\u00dfem Ma\u00dfstab in Altbauten, entweder wurden sie in und nach den 1970ern nachger\u00fcstet oder direkt in den Neubauten verbaut. Nachtspeicher Heizungen wurden massiv subventioniert, unter anderem durch spezielle Nacht Strom Tarife. Es wurde dann ein Zweitarifz\u00e4hler installiert und mit sogenannten Rundsteuersignalen konnten die Netzbetreiber den billigen Nachttarif zu irgendeiner Nachtstunde freischalten, bei dem dann auch die Nachtspeicher &#8222;geladen&#8220; wurden. Alle zur gleichen Zeit. So ein Nachtspeicher hatte gerne eine Leistung von mehreren Kilowatt (kW) und davon hatte man dann in fast jedem Raum des Hauses jeweils einen. Halbwegs realistisch sind in etwa 3kW pro solchem Ofen. Jetzt nehmen wir mal an, es gibt &#8222;nur&#8220; vier davon im Haus, was noch vergleichsweise wenig ist, dann werden also in einem Ortsnetz, in dem solche angeschlossen sind, zu irgendeiner Nachtzeit alle solche \u00d6fen gleichzeitig zum Laden aktiviert, jede Nacht &#8211; jeweils 4 x 3kW = 12kW pro Haus &#8211; oder eben auch deutlich mehr. Und das war in den 1970er Jahren.<\/p>\n<p>Und jetzt diskutieren wir ernsthaft, ob unsere Netze heimische Wallboxen mit 11kW aushalten? Die im Schnitt auch nur einmal pro Woche \u00fcberhaupt genutzt werden, zu sehr unterschiedlichen Zeiten. Laut statistischem Bundesamt legen 80% der Pendler t\u00e4glich etwa 20km zur\u00fcck. Selbst E-Autos mit vergleichsweise kleinem Akku schaffen damit mindestens eine Woche ohne wieder laden zu m\u00fcssen. Die Annahme, dass nach Feierabend alle nach Hause kommen und sofort ihr E-Auto an die 11kW Wallbox stecken, ist schlicht v\u00f6llig unrealistisch. Doch selbst wenn es so w\u00e4re, w\u00e4re dies eine Gefahr f\u00fcr das Ortsnetz? Nein, macht f\u00fcr mich Null Sinn.<\/p>\n<p>Unsere \u00f6rtlichen Verteilnetze sind nicht das Problem, selbst wenn noch weitere Verbraucher wie eine W\u00e4rmepumpe (elektrische Leistung f\u00fcr ein Einfamilienhaus ca. 5-6kW) hinzu kommen. Das ist meiner Meinung nach Panikmache &#8211; und ich vermute auch noch ein St\u00fcck Lobbyismus der Netzbetreiber. Seit Jahren fahren wir unsere \u00f6ffentliche Infrastruktur auf Verschlei\u00df. Die Instandhaltung wird stark vernachl\u00e4ssigt und weiterer Ausbau recht konsequent verschoben. Das f\u00fchrt bei den privaten Konzernen schlicht und ergreifend zu Gewinnsteigerungen in schon fast obsz\u00f6nem Ausma\u00df! RWE hat im letzten Jahr den gr\u00f6\u00dften Konzerngewinn seit Gr\u00fcndung eingefahren. Vorausschauende Investitionen in Infrastruktur? N\u00f6. Warum, l\u00e4uft doch?<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen wird Weltuntergangspanik verbreitet, dass unsere Netze nicht ausreichen w\u00fcrden, dringend ausgebaut werden m\u00fcssten, aber die Kosten! Also was passiert? Unsere Regierung schafft M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Konzerne, noch einmal kr\u00e4ftig bei den Kund*innen abzukassieren, die Netze m\u00fcssen ja schlie\u00dflich schnell ausgebaut werden, die armen Konzerne! Das k\u00f6nnen die nat\u00fcrlich nicht alleine, also m\u00fcssen wir denen schnell noch mehr Geld hinwerfen. Obwohl genau diese Konzerne die Pflicht hatten, die Netze zu erhalten und\u00a0 bedarfsgerecht auszubauen, haben sie nur eben nicht und jetzt sollen wir alle mal wieder daf\u00fcr gerade stehen.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt dann zu solchen Dingen wie, dass beim Antrag zum Anschluss einer Wallbox pauschal f\u00fcr einen Haushalt angenommen wird, dass die &#8222;geplante&#8220; Gesamtanschlussleistung 30kW sind. Aha. Liegt die geplante Gesamtleistung \u00fcber 30kW, ist f\u00fcr die Erteilung der Genehmigung ein &#8222;Baukostenzuschuss&#8220; f\u00e4llig, Baukosten eben f\u00fcr diesen Netzausbau, f\u00fcr den die Betreiber ohnehin schon Geld bekamen, n\u00e4mlich durch die Netzentgelte, die wir auf unseren Strom bezahlen. Diese 30kW sind nicht sonderlich viel, rechnet man mal alles im Haushalt zusammen, was gleichzeitig laufen k\u00f6nnte. Hat man bspw. noch einen Durchlauferhitzer f\u00fcr warmes Wasser, der theoretisch maximal 20kW aufnehmen kann (aber praktisch nie tut), dann kommt man mit diesem und einer 11kW Wallbox schon auf 31kW und schwups darf man einen &#8222;Baukostenzuschuss&#8220; von ein paar hundert Euro entrichten.<\/p>\n<p>Was wird dann gebaut, fragt man sich? In der Regel &#8211; nichts! Denn jetzt kommt der Witz, in den meisten Wohnbaugebieten gibt es gar keinen Verteilnetz Lastplan! Glaubt ihr nicht? Dann lest weiter&#8230;<\/p>\n<p>Bei uns sollte gerade der Hausanschluss von Dachst\u00e4nder auf Zuleitung in der Stra\u00dfe umgelegt werden (gl\u00fccklicherweise findet das jetzt doch nicht statt! Das w\u00e4re richtig teuer geworden&#8230;). Dazu war dann ein Mitarbeiter des lokalen Netzbetreibers, in dem Fall Westnetz, bei uns. Also habe ich ihn mal gefragt, was denn f\u00fcr unseren Hausanschluss &#8222;geplant&#8220; sei, also wieviel kWatt denn da in der Tabelle steht. Der guckt mich verdutzt an und wusste offenbar \u00fcberhaupt nicht wovon ich redete. Ich habe versucht, es ihm drei mal zu erkl\u00e4ren und drei mal hat er mir versichert, einen solchen Plan gibt es gar nicht! Zitat: &#8222;Jedes Haus bekommt 63A, was Sie damit machen, ist Ihre Sache.&#8220;. Das muss man kurz technisch erkl\u00e4ren. Was er hier meinte, ist die Absicherung des Hausanschlusses, mit eben 63A (A = Amp\u00e8re). Das sind auch noch 63A pro Phase, wir haben ein drei Phasen System, d.h. es sind 3 x 63A &#8222;&#8230;was Sie damit machen ist Ihre Sache.&#8220;. Diese 63A pro Phase sind 63A x 230V x 3 = 43470 Watt = 43,47kW &#8211; also sagen wir mal einfach 43kW. F\u00fclle ich bei Westnetz eine Anfrage f\u00fcr eine 11kW Wallbox und einer Gesamtleistung &gt; 30kW aus, dann wird sofort ein Baukostenzuschuss ausgewiesen, obwohl offenbar bereits die n\u00f6tige Gesamtleistung vorhanden ist! Was soll das? Und da kein Plan vorhanden ist, also diese &#8222;Erh\u00f6hung&#8220; nirgends vermerkt werden kann, darf man das dann wohl jedes mal wieder zahlen, wenn man einen Antrag f\u00fcr etwas stellt?<\/p>\n<p>Noch verr\u00fcckter wird es bei Photovoltaik Anlagen. M\u00f6chte man mehr als nur eine Balkon Solar Anlage mit schlappen 600 Watt anschlie\u00dfen, wird es kompliziert. Die Anlage darf nur von einem Elektriker angeschlossen werden und muss zuvor beim Netzbetreiber angemeldet werden. Auch hier wird wieder mit dem Schutz der Verteilnetze argumentiert. Realistisch betrachtet reden wir hier aber von Anschlussleistungen von weniger als 10kW einzuspeisender Leistung &#8211; und das auch nur im Maximalfall, also im Sommer zur Mittagszeit. Ein Teil dieser Leistung wird zudem in der Regel entweder sofort im eigenen Haus verbraucht oder bei den Nachbarn, die keine Solar Anlage haben, was leider noch eher der Regel- als Sonderfall ist. Was also de facto passiert ist, dass die lokalen Netze durch solche Solar Anlagen entlastet und nicht belastet werden! Die Netzbetreiber sollten froh \u00fcber jede privat eingespeiste kWh sein, die sie auch noch zu unrealistisch g\u00fcnstigen Preisen bekommen, entweder f\u00fcr schlappe 8 Cent pro kWh aus der Einspeiseverg\u00fctung oder sogar ganz kostenlos, wenn es reine Eigenverbrauchsanlagen sind, die keine Einspeiseverg\u00fctung bekommen &#8211; so wie bspw. Balkon Solar Anlagen. (Das muss man sich dann auch mal vergegenw\u00e4rtigen, den Strom, den ich kostenlos mit meinem Balkonkraftwerk ins Netz einspeise, den bezahlt dann mein Nachbar mit aktuell 40 Cent\/kWh !)<\/p>\n<p>Also nein, in nicht industriellen Gebieten mache ich mir um die Verteilnetze keinerlei Gedanken, weder f\u00fcr Elektro Mobilit\u00e4t, W\u00e4rmepumpen oder Photovoltaik. Alles hei\u00dfe Luft und, wie ich leider vermute, Lobby getriebene Profit Maximierung der Energie Monopolisten.<\/p>\n<p>Oh, einer noch &#8211; &#8222;Ja aber Westnetz geh\u00f6rt doch gar nicht zu Energieriesen wie RWE!&#8220; &#8211; ach, wirklich? Nat\u00fcrlich steht nicht RWE drauf, denn das d\u00fcrfen sie nicht, Energie Erzeugung und Verteilung m\u00fcssen getrennt sein. Aber dann schaut mal, wem welche Anteile an welchen Konzernen geh\u00f6ren und siehe da, es zeigt sich ein krudes Geflecht, in dem sich auf einmal alle wiederfinden &#8211; RWE, Westnetz, eON etc. Alles ein und derselbe Haufen, nur mit anderen Namen, die sind alle miteinander \u00fcber signifikante Firmenbeteiligungen verbunden, wirklich getrennt ist da gar nichts und entsprechend hackt da auch eine Kr\u00e4he der anderen kein Auge aus. &#8222;Der Markt regelt das!&#8220; &#8211; \u00e4h, nein, denn wirkliche Konkurrenz gibt es in diesem Strom Energiemarkt nicht. (Sehr sch\u00f6n dazu ist auch die Folge &#8222;<a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/comedy\/die-anstalt\/die-anstalt-vom-4-oktober-2022-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Anstalt<\/a>&#8222;, unbedingte Empfehlung, wenn man mal diesen &#8222;Markt&#8220; &#8222;verstehen&#8220; m\u00f6chte&#8230;)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal frage ich mich, \u00fcber was wir uns alles eigentlich die K\u00f6pfe zerbrechen oder sogar streiten? Da ist bspw. immer wieder die Rede davon, dass die Energiewende hin zu mehr Verbrauchern auf Basis von elektrischem Strom die Verteilnetze gerade in den Ortschaften zu den privaten Wohnh\u00e4usern gef\u00e4hrden w\u00fcrde. 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