{"id":222,"date":"2015-06-02T00:08:02","date_gmt":"2015-06-01T22:08:02","guid":{"rendered":"http:\/\/nf.dpin.de\/?p=222"},"modified":"2015-06-02T00:08:02","modified_gmt":"2015-06-01T22:08:02","slug":"gender-mainstreaming-biologie-evolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/gender-mainstreaming-biologie-evolution\/","title":{"rendered":"Gender &#8211; Mainstreaming, Biologie &amp; Evolution"},"content":{"rendered":"<p>In letzter Zeit taucht immer mal wieder an verschiedenen Stellen das Gender Thema, also vor allem das sog. Gender Mainstreaming, auf und ich habe den Eindruck, das ein wichtiger Aspekt darin bisher noch nicht aufgegriffen wurde. Gerade erst stie\u00df ich auf einen Beitrag, der einen Zusammenhang zwischen den oft religi\u00f6s motivierten Verweigerern der Evolutions-Theorie und Gender-Mainstreaming herzustellen versucht [<a href=\"http:\/\/www.ruhrbarone.de\/humanistische-genderkritik\/106017\" target=\"_blank\">1<\/a>]. Der Evolutionsbiologe Prof. Dr. Ulrich Kutschera versucht anhand der Evolutions-Biologie Gender-Forschung und die gesamte Gender-Theorie zu widerlegen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat der Biologie Recht indem er sagt, es g\u00e4be eindeutige biologische Geschlechter. Die Biologie definiert das Geschlecht \u00fcber die Reproduktion. Dasjenige Lebewesen, dass Gameten mit Organellen produziert ist weiblich, das andere ist m\u00e4nnlich. Beim Menschen sind die beiden Arten von Lebewesen in der Regel genetisch chromosomal unterscheidbar, weiblich 23-XX, m\u00e4nnlich 23-XY in dessen Folge bei erwachsenen weiblichen Menschen die geschlechtsspezifischen Hormone der \u00d6strogene deutlich \u00fcberwiegen, bei den m\u00e4nnlichen Menschen die Androgene. Soweit ist das auch alles in Ordnung.<\/p>\n<p>Doch Evolution basiert auf Varianz. Wenn immer ein und dieselben Lebewesen reproduziert w\u00fcrden, dann g\u00e4be es keinerlei Varianz und entsprechend auch keinerlei evolution\u00e4ren Fortschritt. Die Evolution k\u00e4me zum Stillstand. Oder anders gesagt, vermutlich g\u00e4be es heute nichteinmal mehrzellige Lebewesen, wenn nicht irgendwann vor ein paar millionen Jahren einmal eine Zellteilung wegen einer kleinen Mutation nicht vollst\u00e4ndig ablief und zwei Zellen nach ihrer Verdoppelung aneinander h\u00e4ngen blieben. Offenbar war dies ein evolution\u00e4rer Vorteil. Aus zwei wurden drei, vier, ganz viele. Der Mensch besteht aus<br \/>\nMilliarden solcher Zellen.<\/p>\n<p>Varianz ist der Motor, der nicht nur technologische Innovation erst hervorbringt, sondern der auch in jeder Sekunde die Evolution in der Natur erst erm\u00f6glicht. Varianz gibt es dabei nicht nur bei exotischen Mikroben in einer Petrischale, sondern auch direkt bei uns Menschen selbst. Nicht jeder Mensch ist gleich und seine Nachkommen sind nicht das einfache Produkt der beiden Eltern &#8211; wir alle wissen das. Wir kennen Varianz in K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe, Augenfarbe, Haarfarbe und praktisch jeder anderen k\u00f6rperlichen Eigenschaft. Alles unterliegt st\u00e4ndigen Schwankungen. Wir kennen und akzeptieren dies, ganz selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Doch in einem Bereich dieser Schwankungen haben gerade die westlichen Industriegesellschaften ein ganz massives Problem: Geschlechtliche Varianz. Wir halten mit einer Vehemenz am bin\u00e4ren Geschlechtermodell fest, die nicht rational erkl\u00e4rbar ist. Dr. Milton Diamond, von der medizinischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Hawaii, hat es einmal ganz treffend formuliert: &#8222;Nature loves variety, society hates it.&#8220;. In Bezug auf Geschlecht, als eine ordnungs-normative Macht zur Kategorisierung der Gesellschaft, gilt dies ganz besonders, denn medizinisch \/ biologisch ist diese Varianz ganz klar nachweisbar.<\/p>\n<p>Die US-Amerikanische Biologin Alice Domurat Dreger hat in einem Vortrag einmal gesagt, es seien schon alleine heute mindestens 400 biologisch \/ medizinisch messbare Eigenschaften bekannt, die in irgendeiner Form Einfluss auf das haben, was wir als Geschlecht bezeichnen &#8211; wer wei\u00df heute schon, wieviele wir noch finden werden. Nicht alle dieser 400 sind immer eindeutig oder weisen auf ein und dasselbe Geschlecht hin. F\u00fcr die meisten Menschen kommt in Summe etwas dabei heraus, was recht eindeutig zu sein scheint. Doch so wie die Varianz bei allem anderen in der Natur immens ist, so ist sie es auch bei unserem menschlichen Geschlecht, auch wenn es nicht auf den ersten Blick offensichtlich ist.<\/p>\n<p>Da gibt es Menschen mit einem nicht eindeutigen Genotyp, XXY zum Beispiel (Klinefelter Syndrom). Es gibt Menschen, die \u00e4u\u00dferlich vollst\u00e4ndig weiblich erscheinen (Phaenotyp), aber einen XY Genotyp besitzen und auch hormonell eindeutig m\u00e4nnlich sind &#8211; eine androgen-Resistenz kann dies z.B. bewirken. Es gibt Menschen, die einen XX Genotyp haben, aber einen v\u00f6llig unauff\u00e4lligen m\u00e4nnlichen Ph\u00e4notyp &#8211; z.B. wegen einer Nebennieren-Hyperplasie, die sehr viel Testosteron aussch\u00fcttet. Es gibt Menschen, die mit v\u00f6llig uneindeutigen \u00e4u\u00dferen und teils auch inneren Geschlechtsmerkmalen geboren werden &#8211; sogenannte Hermaphroditen oder auch intersexuelle Menschen. Die H\u00e4ufigkeit ist sogar recht hoch, ca. 1,7% bis 4%, je nachdem wen man fragt und was man alles hinzu z\u00e4hlen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Diese Menschen haben ein Problem in unserer rein zweigeschlechtlich ausgelegten Gesellschaft. Sie stehen st\u00e4ndig unter dem Druck, sich doch f\u00fcr eine der nur zwei angebotenen Seiten entscheiden zu m\u00fcssen, obwohl sie es eigentlich nicht k\u00f6nnen, weil sie es schlicht nicht sind. Schlimmer noch, durch diese Cis-Normativit\u00e4t f\u00fchlen sich manche \u00c4rzte in der Pflicht, diesen Menschen helfen zu m\u00fcssen, obwohl diese Menschen keine \u00e4rztliche Intervention brauchen, w\u00fcnschen und teilweise sogar nichteinmal danach gefragt werden. Noch heute werden, ohne dringende medizinische Notwendigkeit, intersexuell geborene Kinder kurz nach der Geburt zwangs-zugewiesen. Nicht normgerechte Genitalien werden zurecht gestutzt, abweichende Keimdr\u00fcsen oft entfernt und so werden zudem viele dieser Menschen auch noch unfreiwillig unfruchtbar. Erst 2013 wurde in Deutschland der rechtliche Druck zu solchen Ma\u00dfnahmen genommen, indem nun endlich nach der Geburt der Geschlechtseintrag offen gelassen werden darf. Bis dahin musste innerhalb von sechs Wochen eine Zuweisung stattfinden! Dennoch \u00fcberreden viele \u00c4rzte die Eltern nach wie vor zu solchen Zwangsma\u00dfnahmen &#8211; wie gesagt, ohne nachweisbare medizinische Notwendigkeit, eigentlich ein Versto\u00df gegen Artikel 2 des Grundgesetzes.<\/p>\n<p>Doch auch neben diesen organisch teils leicht nachweisbaren Varianzen, gibt es auch eine stetig zunehmende Zahl von Menschen, die sich mit ihrem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht richtig oder ausreichend beschrieben f\u00fchlen. Welche Ursachen dies hat, ist bis heute nicht gekl\u00e4rt. Was jedoch wissenschaftlich hinreichend gekl\u00e4rt ist, ist die Tatsache, dass es sich dabei um zwingende Notwendigkeiten bei den einzelnen Personen handelt. Es ist kein Spleen, kein Tick, kein Fetisch und kein Life-Style, wie es ihnen ab und zu gerne unterstellt wird. Es ist vielmehr eine dringende pers\u00f6nliche Notwendigkeit.<\/p>\n<p>Zudem wei\u00df man heute auch, dass es sich dabei weder um eine psychische St\u00f6rung, noch um eine Frage der Sozialisation handelt. Diese Menschen k\u00f6nnen nichts daf\u00fcr, dass sie so sind, wie sie sind, bekommen aber permanent ein eindeutiges und dichotomes Cis-Normativ vorgelebt und vorgehalten. Ein Normativ, in dem es (noch) keinen oder zumindest kaum Platz f\u00fcr sie gibt. Geschlechtliche Varianz wird von unserer Gesellschaft noch kaum toleriert und allgemein gesellschaftlich schlicht gar nicht abgebildet. Schon alleine der Gang zu einer \u00f6ffentlichen Toilette kann f\u00fcr solche Menschen zu einem massiven Problem werden, denn sie sind dann (noch) fast \u00fcberall gezwungen, sich zwischen den nur zwei zur Verf\u00fcgung gestellten Varianten zu entscheiden &#8211; mit allen Konsequenzen, die dies mit sich bringt.<\/p>\n<p>Stell Dir mal vor, Du betrittst wie selbstverst\u00e4ndlich eine \u00f6ffentliche Toilettenanlage und hinter der T\u00fcr findest Du ausschlie\u00dflich Menschen vor, die nicht Deinem Geschlecht angeh\u00f6ren. Wie w\u00fcrdest Du Dich f\u00fchlen? Doch wohl falsch, oder? Genau so ergeht es Menschen, deren Geschlecht nicht eindeutig oder deren Geschlechtsidentit\u00e4t von ihrem ph\u00e4notypischen geschlechtlichen Erscheinungsbild abweicht. Diese Menschen k\u00f6nnen nichts daf\u00fcr, dass sie so sind, wie sie eben sind, m\u00fcssen aber in dieser zweigeschlechtlichen Welt genau so bestehen, wie alle anderen auch.<\/p>\n<p>Nimmt man zu den bis zu 4% intersexuellen Menschen noch die vermuteten 1-2% transsexuellen Menschen hinzu (viele Betroffene sagen heute eher &#8222;transident&#8220;, um den Aspekt der Sexualit\u00e4t heraus zu nehmen, der bei der Frage der Geschlechtsidentit\u00e4t keine Rolle spielt), dann kommt man bereits auf \u00fcber 5% der Bev\u00f6lkerung, f\u00fcr die dies ein st\u00e4ndiges Problem darstellt. Nimmt man die noch deutlich gr\u00f6\u00dfere Gruppe der &#8222;Transgender&#8220; im Allgemeinen hinzu, so landet man bei 10-15%. Je liberaler eine Gesellschaft wird, desto mehr Menschen bekennen sich auch dazu. Die Gruppe der Gender-Queer oder Gender-Fluid Personen w\u00e4chst stetig und stellt auch f\u00fcr die Medizin langsam ein wachsendes Problem dar. Da kommen Menschen zu \u00c4rzten, die mit einigen geschlechtsspezifischen Aspekten ihres K\u00f6rpers nicht zurecht kommen, weil sie sich damit nicht identifizieren k\u00f6nnen. Sie definieren sich selbst aber auch nicht v\u00f6llig dem anderen Geschlecht zugeh\u00f6rig, also nicht als transsexuell. Wie soll die Medizin mit ihnen umgehen? Und noch viel problematischer, wie gehen wir als Gesellschaft mit ihnen um?<\/p>\n<p>Ja, mir geht Gender-Mainstreaming auch teilweise f\u00fcrchterlich auf die Nerven. Die sprachlichen Ausw\u00fcchse sind streckenweise hahneb\u00fcchend und der schon fast militante Feminismus, der einem dabei auch ab und zu entgegen schl\u00e4gt, macht es nicht gerade leichter.<\/p>\n<p>Doch ich denke, wir stehen in der Entwicklung eines gesunden gesellschaftlichen Umgangs mit der zweifelsohne vorhandenen geschlechtlichen Varianz gerade erst am Anfang. Da hat noch niemand ein Patentrezept auf Lager und wir werden sehen m\u00fcssen, wohin uns diese Entwicklung tragen wird. Doch eines kann ich Dir aus eigener Erfahrung versichern, wir m\u00fcssen handeln. Meine eigene Erfahrung ist die einer Beraterin f\u00fcr Trans* und Inter* Menschen und ich sehe fast t\u00e4glich, wie diese Menschen unter dem bin\u00e4rgeschlechtlichen (cis-normativen) Druck leiden wie die Hunde; manche sogar so sehr, dass sie f\u00fcr sich als einzigen Ausweg den Suizid sehen. Wenn ich durch soetwas wie ein Gender-Gap, Unisex-Toiletten oder andere niedrig schwellige Mittel den Druck von manchen so weit nehmen kann, dass Depression oder sogar Suizid nicht mehr die scheinbar einzigen Notausg\u00e4nge sind, dann nehme zumindest ich dies sehr gerne in Kauf.<\/p>\n<p>[1] Evolutionsbiologe Prof. Dr. Ulrich Kutschera<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.ruhrbarone.de\/humanistische-genderkritik\/106017\" target=\"_blank\"> http:\/\/www.ruhrbarone.de\/humanistische-genderkritik\/106017<\/a><\/p>\n<p>[2] Wikipedia, Intersexualit\u00e4t<br \/>\n<a class=\"moz-txt-link-freetext\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Intersexualit%C3%A4t\" target=\"_blank\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Intersexualit%C3%A4t<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/a33c023d70a54e46a00add4fbec3dec2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In letzter Zeit taucht immer mal wieder an verschiedenen Stellen das Gender Thema, also vor allem das sog. Gender Mainstreaming, auf und ich habe den Eindruck, das ein wichtiger Aspekt darin bisher noch nicht aufgegriffen wurde. Gerade erst stie\u00df ich auf einen Beitrag, der einen Zusammenhang zwischen den oft religi\u00f6s motivierten Verweigerern der Evolutions-Theorie und Gender-Mainstreaming herzustellen versucht [1]. 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