{"id":23,"date":"2015-02-17T00:33:00","date_gmt":"2015-02-16T23:33:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nf.dpin.de\/?p=23"},"modified":"2015-02-17T00:33:00","modified_gmt":"2015-02-16T23:33:00","slug":"hilfosigkeit-ohnmacht-laehmung-wut-aktivisms","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/hilfosigkeit-ohnmacht-laehmung-wut-aktivisms\/","title":{"rendered":"Hilfosigkeit, Ohnmacht, L\u00e4hmung, Wut, Aktivisms?"},"content":{"rendered":"<p>Seit einiger Zeit versuche ich mich ehrenamtlich zu engagieren, um anderen Trans*Menschen zu unterst\u00fctzen und mit zu helfen, sich damit leichter zu tun, ihren eigenen Weg zu beginnen. Es muss ihr eigener Weg sein, wie auch immer dieser aussehen wird, das ist nicht meine Sache. Jede_r muss f\u00fcr sich selbst herausfinden, was f\u00fcr sie\/ihn gut und richtig ist, was stimmig ist und vor allem, was unabdingbar ist. Ich kann nur unterst\u00fctzen, helfen diese Punkte zu finden und bei ihrer Realisierung zu unterst\u00fctzen. Dies ist Sinn und Zweck der Beratung, mit Erfahrung und Sachwissen diesen Weg zu begleiten und das ist jene Beratung, die ich in der Selbsthilfegruppe in Siegen und in der <a href=\"http:\/\/www.dgti.org\/beratungsstellen.html#nrw\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">Beratungsstelle<\/a> der <a href=\"http:\/\/www.dgti.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">dgti<\/a> mache.<\/p>\n<p>Auf diese Weise hatte ich in den letzten Wochen und Monaten mit einer ganzen Reihe von sehr unterschiedlichen Pers\u00f6nlichkeiten im Rahmen dieser Beratungst\u00e4tigkeit zu tun. Ziemlich quer Beet, durch alle gesellschaftlichen Schichten, alle Bildungsniveaus und Gesundheitsgrade, sowohl physisch als auch psychisch. Ganz zwangsl\u00e4ufig erf\u00e4hrt man viel von seinen Klienten, viel Privates und auch viel von ihrer allgemeinen Lebenssituation, der vergangenen, der aktuellen und der Perspektive.<\/p>\n<p>Meine bisherige \u00dcberzeugung war es eigentlich, dass man das meiste davon selbst beeinflussen k\u00f6nne. Es w\u00e4re eine Frage der Authentizit\u00e4t und des richtigen Auftretens und von Zeit f\u00fcr Erkl\u00e4rungen und Empathie auf allen Seiten, dann w\u00fcrde es schon alles gut gehen, dann w\u00fcrde allen eine Transition gelingen, ohne gr\u00f6\u00dfere Tiefschl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Doch je mehr ich mit anderen Betroffenen zu tun habe und je mehr ich \u00fcber meine stetig wachsende Vernetzung erfahre, desto best\u00fcrzter und entt\u00e4uschter werde ich. Ich habe praktisch keinen einzigen positiven Verlauf in der Beratung. Liegt das nur daran, dass sich Menschen nur an eine Beratungsstelle wenden, wenn sie Probleme bekommen? Vielleicht. Doch ich lerne auch immer wieder Menschen abseits der Beratung kennen und auch bei ihnen ist es eigentlich fast \u00fcberall gleich. Praktisch alle erleben zu Anfang, w\u00e4hrend oder nach ihrer Transition massive Tiefschl\u00e4ge, die sie den Rest ihres Lebens begleiten. Vor allem sind es Verluste, die Familien wendet sich ab, der Partner oder die Partnerin kommt damit nicht zurecht, alte und tiefe Freundschaften gehen verloren oder der Arbeitsplatz. Die Arbeitslosenrate bei Trans*-Menschen liegt international ein Vielfaches \u00fcber dem Durchschnitt. Ein Zufall? Nein.<\/p>\n<p>Entsprechend schlecht ist es um die seelische Gesundheit der meisten Trans*-Personen gestellt. Depressive Phasen bishin zu klinische Depressionen sind die Regel, nicht die Ausnahme. Kein Wunder, dass die Selbstmordrate bei Trans*-Menschen um etwa das Zehnfache h\u00f6her als im Durchschnitt der restlichen Bev\u00f6lkerung liegt.<\/p>\n<p>Sind alle selbst daran schuld? Ganz klares Nein.<\/p>\n<p>Schlussendlich ist es Ablehnung, auf die ein oder andere Art, die uns Trans*-Menschen nach wie vor entgegen schl\u00e4gt. Sei es aktive oder passive Diskriminierung oder das blanke Unverst\u00e4ndnis unserer Umwelt. Da hilft keine Geduld, kein Verst\u00e4ndnis und keine Erkl\u00e4rungen mit Engelszungen. Es sind offenbar tief verwurzelte Ur\u00e4ngste und Bedenken, die durch uns selbst nicht \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Ich mache dem Umfeld daf\u00fcr nichteinmal einen Vorwurf, denn bewusst passiert das ja zumeist gar nicht. Die meisten sind v\u00f6llig \u00fcberfordert und hilflos, wenn jemand in ihrem Umfeld auf einmal das Geschlecht wechselt oder fast schlimmer noch, sich uneindeutig gibt. Sie verstehen es einfach nicht und schon gar nicht, dass es f\u00fcr die Betroffenen selbst ein unabdingbares Urbed\u00fcrfnis ist. Wir k\u00f6nnen einfach nicht anders. Es ist kein b\u00f6ser Wille. Doch genau wie wir nicht anders k\u00f6nnen und uns unserer Identit\u00e4t entsprechend verhalten m\u00fcssen, so m\u00fcssen wir auch den anderen ein \u00e4hnliches Recht zugestehen, dies nicht mitgehen zu k\u00f6nnen. Irgendwie verstehe ich das, doch irgendwie m\u00f6chte ich auch das es aufh\u00f6rt! Denn dies f\u00fchrt genau zu diesen herben Tiefschl\u00e4gen, die so viele so hart ereilen.<\/p>\n<p>Dies verunsichert mich gerade massiv in meiner Beratung. Kann ich guten Gewissens Menschen immernoch dazu raten, ihre Identit\u00e4t zu leben? Sich nicht durch gef\u00fchlte Zw\u00e4nge einengen zu lassen, sondern auf ihre innere Stimme zu h\u00f6ren, ihrem Gef\u00fchl zu vertrauen? Denn eigentlich m\u00fcsste ich ihnen sagen, behalte es so lange es nur irgendwie geht f\u00fcr Dich! Denn wenn Du es raus l\u00e4sst, dann b\u00fcrdest Du Dir etwas auf, an dem Du vielleicht zugrunde gehen wirst oder zumindest mit gr\u00f6\u00dfter Wahrscheinlichkeit darunter leiden wirst. Ist es das wirklich wert?<\/p>\n<p>Kann und sollte man dies wirklich jemandem so sagen?<\/p>\n<p>Da kommen Menschen zur Beratung, die bereits ein P\u00e4ckchen mit sich tragen, denn sonst w\u00fcrden sie nicht eine Beratung in Anspruch nehmen wollen. Genau in dieser Situation m\u00fcsste ich sie dann eigentlich eindringlich davor warnen! Doch das w\u00e4re ganz sicher nicht hilfreich und verunsichert noch mehr. Aber verschweigen kann ich es auch nicht. Nicht mehr, nachdem ich alle diese tragischen F\u00e4lle kenne.<\/p>\n<p>Dies verursacht gerade eine nicht ganz unbedeutsame Krise f\u00fcr meine Beratungsarbeit.<\/p>\n<p>Das letzte Wochenende setzte dem noch eine Krone auf, als ich von einer sehr guten Freundin erfuhr, dass sich ihre Partnerin nach \u00fcber 26 Jahren !!! von ihr trennt. Wieder ein Beispiel f\u00fcr einen extrem herben Schlag. Eine Beziehung und gewachsene Partnerschaft von einem viertel Jahrhundert streift man nicht einfach ab wie einen Mantel. Diese Nachricht alleine hat mich schon reichlich mitgenommen, denn eigentlich hatte ich den Eindruck, beide k\u00e4men damit gut zurecht. Ihre Partnerin wusste im Prinzip bereits seit Jahren, dass nun soetwas kommen w\u00fcrde. Es kam also auch f\u00fcr sie nicht aus heiterem Himmel. Doch jetzt dann auf einmal &#8211; peng.<\/p>\n<p>Leider ist sie damit nicht die erste, die auch ich begleitet habe. Von ihren fr\u00fchen Anf\u00e4ngen, mit ersten Selbstzweifeln, der gro\u00dfen Verwirrung bishin zum Platzen des Knotens und der gro\u00dfen Befreiung. Eigentlich eine wunderbare Zeit und Wendung! Endlich das wahre Ich leben und ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, endlich f\u00fchlt sich das Leben richtig und stimmig an! Endlich frei.<\/p>\n<p>Doch dieses pers\u00f6nlich richtige Leben wird erkauft mit einer ganzen Latte von Widrigkeiten, bei denen einen mehr, bei anderen weniger. Ich hatte noch lange die naive Vorstellung, dass wir selbst zum gr\u00f6\u00dften Teil bestimmen w\u00fcrden, wie diese Prozess ablaufen und das es nur wenige wirklich unvermeidliche Schl\u00e4ge geben w\u00fcrde. Meine stetig wachsende Erfahrung straft mich L\u00fcgen. So schrecklich ich es finde, dies sagen zu m\u00fcssen, aber <b>\u00fcberlegt Euch das gut!<\/b> Und besser vier, f\u00fcnf oder ein Dutzend mal! Alle Statistiken sagen unisono das gleiche: Auch wenn sich die Lebenssituation bzgl. der eigenen Identit\u00e4t verbessert, so verschlechtert sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mindestens eine Sache im Umfeld dramatisch!<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig schwarz malen. Aber ich denke schon, dass ein guter Rat sein muss: &#8222;Rechne mit dem Schlimmsten und bereite Dich darauf vor!&#8220;. Mit etwas Gl\u00fcck, brauchst Du nichts davon und alles l\u00e4uft glatt. Doch meist tut es das nicht und dann ist es wichtig ger\u00fcstet zu sein, also ein Sicherungsnetz zu haben, das einen auff\u00e4ngt. Ein paar, wenn auch wenige, gute Freunde, die egal was kommt, zu einem stehen, geh\u00f6ren ganz sicher dazu. Es werden Tage kommen, an denen man sie braucht. Wirtschaftliche Sicherheit ist wichtig. Auch wenn in Deutschland die Krankenkassen eine Menge \u00fcbernehmen, sie \u00fcbernehmen nicht alles. Hinzu kommen Ausfallzeiten, die nicht mehr mit Urlaub gedeckt werden k\u00f6nnen und vielleicht auch l\u00e4ngere Krankheitszeiten. Eine mittlere oder sogar l\u00e4ngere Zeit der Arbeitslosigkeit ist nicht unwahrscheinlich. Wer nicht alles dabei verlieren will, sollte vorsorgen. Und bitte bitte bitte, redet vorher lange und intensiv mit Eurem Partner \/ Eurer Partnerin dar\u00fcber. Viele Partner_innen neigen zur Verdr\u00e4ngung &#8211; das sei nur eine Phase, das w\u00fcrde schon weggehen. Sie wachen dann erst viel zu sp\u00e4t aus ihrem Traum auf. Dann wird es schnell h\u00e4sslich, laut und eine Trennung sehr unsch\u00f6n &#8211; f\u00fcr beide Seiten. Kl\u00e4rt das vorher! Mit einem klaren Ja oder Nein, damit beide Seiten wissen, womit sie rechnen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Meine Konsequenz daraus ist recht klar. Ich werde viel st\u00e4rker als zuvor in der Beratung auch auf die Risiken und gro\u00dfe Wahrscheinlichkeit zum Eintritt mindestens einer Krise hinweisen. Alles andere w\u00e4re eine schlechte Beratung mit rosa Brille &#8211; und ich mag doch gar kein Pink \ud83d\ude42 Wer mit dem Schlimmsten rechnet, f\u00fcr den ist jedes kleine bisschen Gutes eine positive \u00dcberraschung.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich f\u00fchrt das aber auch im Weiteren dazu, dass ich mich neben der Beratung f\u00fcr Betroffene noch st\u00e4rker daf\u00fcr einsetzen m\u00f6chte und werde, dass Vorurteile abgebaut und mehr Wissen \u00fcber uns in die Breite der Gesellschaft getragen wird. Vielleicht ist es in zwei oder drei Generationen v\u00f6llig normal, dass sich Menschen ihr Geschlecht selbst frei w\u00e4hlen und dies keinerlei besonderer Verfahren bedarf. Das w\u00e4re dann vielleicht auch eine Welt, in der wir keine Tiefschl\u00e4ge mehr daf\u00fcr einstecken m\u00fcssen, einfach nur um wir selbst zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einiger Zeit versuche ich mich ehrenamtlich zu engagieren, um anderen Trans*Menschen zu unterst\u00fctzen und mit zu helfen, sich damit leichter zu tun, ihren eigenen Weg zu beginnen. Es muss ihr eigener Weg sein, wie auch immer dieser aussehen wird, das ist nicht meine Sache. 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