{"id":279,"date":"2015-07-06T19:39:00","date_gmt":"2015-07-06T17:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nf.dpin.de\/?p=279"},"modified":"2015-07-06T19:39:00","modified_gmt":"2015-07-06T17:39:00","slug":"ein-paar-fragen-antworten-zu-transidentitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/ein-paar-fragen-antworten-zu-transidentitaet\/","title":{"rendered":"Ein paar Fragen &amp; ein paar Antworten zu Transidentit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Mir wurden gerade ein paar Fragen gestellt, zu denen ich etwas ausf\u00fchrlicher geantwortet habe. Vielleicht ist das ja auch noch f\u00fcr andere von Interesse:<\/p>\n<blockquote><p>1.: Mit welchen gesellschaftlichen Vorurteilen haben Transidente sowie Intersexuelle Menschen besonders zu k\u00e4mpfen? Und weshalb glauben Sie, dass das so ist?<\/p><\/blockquote>\n<p>Eigentlich sind es f\u00fcr beide Gruppen, also Trans* und Inter*, zwei grundlegende Probleme:<\/p>\n<ol>\n<li>Ein rein bin\u00e4res Geschlechterverst\u00e4ndnis, es gibt nur und ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlich und weiblich<\/li>\n<li>Das Geschlecht ist an den Genitalien ablesbar &#8211; mal ganz platt formuliert.<\/li>\n<\/ol>\n<p>F\u00fcr Trans*-Menschen bedeutet dies, dass sie unter einem st\u00e4ndigen Erkl\u00e4rungsdruck stehen, um darzulegen, dass ihre Geschlechtsidentit\u00e4t von dem bei Geburt anhand der Genitalien zugewiesenen Geschlecht abweicht. Diese biologistisch-genitalistische Klassifikation von Geschlecht sorgt dann im Anschluss f\u00fcr alle daraus resultierende Probleme:<\/p>\n<ul>\n<li>Das sei nur eine Phase.<\/li>\n<li>Das sei nur Maskerade \/ Verkleidung.<\/li>\n<li>Realit\u00e4tsflucht.<\/li>\n<li>Dritte sprechen einem die eigene Geschlechtsidentit\u00e4t schlicht ab &#8222;Das kann gar nicht sein, sieh&#8216; Dich doch mal an!&#8220;<\/li>\n<li>Man wird deswegen angefeindet und f\u00fcr &#8222;verr\u00fcckt&#8220; erkl\u00e4rt.<\/li>\n<li>Oft wird Geschlechtsidentit\u00e4t mit Sexualit\u00e4t in einen Topf geworfen, &#8222;Bist Du jetzt schwul?&#8220; oder noch schlimmer &#8222;Wenn Du schwul bist, dann sag&#8216; das doch einfach, da musst Du Dich doch nicht umwandeln lassen!?&#8220;<br \/>\n(Sinngem\u00e4\u00df nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Transm\u00e4nner, ersetze schwul mit lesbisch)<\/li>\n<li>Bei der Vermischung mit Sexualit\u00e4t kommt auch der Fetisch Gedanke schnell hoch, man w\u00fcrde dies ja nur zur eigenen sexuellen Erregung tun oder um Sexualpartner aufzureizen.<\/li>\n<li>&#8222;Perversion&#8220; wird auch als Vorwurf oft genannt, gerade bei Transfrauen. Hier spielt vermutlich auch das stark sexualisierte Frauenbild eine Rolle.<\/li>\n<li>Gerade f\u00fcr Transm\u00e4nner sind es eher soziale Probleme. Es wird ihnen unterstellt, sie wollten ihre gesellschaftliche Stellung &#8222;aufwerten&#8220; indem sie &#8222;zum Mann w\u00fcrden&#8220;.<\/li>\n<li>Religion spielt nat\u00fcrlich auch eine Rolle. Einige argumentieren, Gott schuf Mann und Frau &#8211; Punkt. Trans*-Menschen kommen in dieser Sch\u00f6pfung nicht vor und Gottes Sch\u00f6pfung in Frage zu stellen ist die S\u00fcnde pur.<\/li>\n<\/ul>\n<p>F\u00fcr Intersexuelle wird es noch ein wenig komplizierter. Sie werden uneindeutig geboren, d.h. sie haben keinen Ausgangspunkt, von dem aus sie transitionieren k\u00f6nnten aber viele auch gar nicht wollen. In den letzten Jahren formiert sich Widerstand der Inter* Gruppen dagegen, einen Zielpunkt f\u00fcr sich selbst festlegen zu m\u00fcssen. Viele haben tats\u00e4chlich keine eindeutige Geschlechtsidentit\u00e4t, werden aber permanent gesellschaftlich gezwungen, sich zu entscheiden &#8211; beim Gang zur \u00f6ffentlichen Toilette, im Pass, auf Formularen etc. Sie entwickeln aber zunehmend eine eigene Inter* Identit\u00e4t, die sich nicht in das Bin\u00e4r einordnen will. Einige L\u00e4nder respektieren dies mittlerweile und man kann dort einen neutralen Geschlechtseintrag w\u00e4hlen. In Deutschland kann er lediglich bei Geburt auf Wunsch der Eltern offen gelassen werden und sp\u00e4ter dann genau einmal selbstbestimmt zu M oder F ge\u00e4ndert werden &#8211; immerhin. Das Personenstandsrecht vor 2013 bestimmte noch, dass ein S\u00e4ugling nach sp\u00e4testens acht Wochen (ich meine es w\u00e4ren acht gewesen, nageln Sie mich nicht darauf fest) eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden musste, was zu schrecklichen, medizinisch nicht notwendigen, Eingriffen und damit einhergehend Verst\u00fcmmelungen f\u00fchrte. Die Entscheidung f\u00fcr das eine oder andere Geschlecht trafen dann \u00c4rzte im OP mit teils desastr\u00f6sen Folgen (siehe &#8222;John Joan Case&#8220; bzw. die Geschichte von David Reimer, USA\/Canada).<\/p>\n<blockquote><p>2.: Aufgrund Ihres Erfahrungsschatzes.: Mit welchen h\u00e4ufigen Fragen wenden sich Personen an die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Transidentit\u00e4t und Intersexualit\u00e4t? Auf welche Art und Weise unterst\u00fctzt Ihre Gesellschaft?<br \/>\nWelche Schicksale gibt es auch in diesen Geschichten?<\/p><\/blockquote>\n<p>Oh, das ist umf\u00e4nglich.<\/p>\n<p>H\u00e4ufige Frage? Also bei mir in der Beratungsstelle k\u00f6nnte man es in drei<br \/>\nKategorien einteilen:<\/p>\n<h5>1. Selbstfindung<\/h5>\n<p>Die Selbstfindung ist eine f\u00fcr die meisten sehr problematische Phase. Irgendwann wird der innere Druck so gro\u00df, dass die Situation beginnt ausweglos zu erscheinen. Auf der einen Seite das Gef\u00fchl, dass da diese &#8222;andere&#8220; Identit\u00e4t ist, doch auf der anderen Seite die dazu in krassem Widerspruch stehende Realit\u00e4t mit all ihren zus\u00e4tzlichen Sachzw\u00e4ngen &#8211; Familie, Job&amp;Karriere, Umfeld etc.<\/p>\n<p>Mehr oder weniger kurz vor ihrem Coming-Out und dem festen Bekenntnis zu sich selbst, suchen viele Rat und vor allem Halt in Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen. Meist wissen sie schon sehr genau, was mit ihnen los ist, gestehen es sich nur noch nicht zu oder ein. Eine &#8222;Analyse&#8220; ist nicht n\u00f6tig, sondern die St\u00e4rkung des Selbstvertrauens und Selbstwerts.<\/p>\n<p>Der Konflikt, in dem viele dann stecken, ist ausgel\u00f6st durch die geschlechtliche Dichotomie, die wir\u00a0 um uns herum erleben. In dieser Phase f\u00fchlen sich die meisten noch irgendwie dazwischen, weil es da diese eindeutige Geschlechtsidentit\u00e4t in ihnen gibt, aber alles um sie herum, inklusive ihres eigenen K\u00f6rpers, scheinbar dagegen spricht. Wir haben keine Role-Model, weder f\u00fcr biologische Frauen, die sich als M\u00e4nner identifizieren oder biologische M\u00e4nner, die sich als Frauen identifizieren. Das sorgt f\u00fcr extreme Verunsicherung. Eine oft gestellte Frage ist dann, &#8222;Bin ich denn trans* genug, um eine Transition zu machen?&#8220;.<\/p>\n<p>Hier hilft dann Peer-Beratung sehr, indem Betroffene dann in dieser Phase einen gesetzten und selbstsicheren Menschen erleben, der_die das alles hinter sich hat und wo es funktioniert hat (hoffentlich). Eine Person, die aus erster Hand berichten kann, was auf einen zu kommen wird und was eben auch nicht.<\/p>\n<p>Diese Selbstfindungsphase kann manchmal nur ein paar Wochen dauern, manchmal aber auch Jahre.<\/p>\n<h5>2. Sachfragen kurz vor und am Anfang der Transition<\/h5>\n<p>Hier sind es vor allem Sachfragen wie, wo muss ich welchen Antrag stellen, in welcher Reihenfolge kann ich die f\u00fcr mich wichtigen Ma\u00dfnahmen erreichen, an wen kann\/muss ich mich wenden etc. Diese Fragen ziehen sich dann \u00fcber ca. zwei Jahre &#8211; so lange dauert es im Durchschnitt etwa, bis eine Transition abgeschlossen ist &#8211; nat\u00fcrlich abh\u00e4ngig davon, was die Person f\u00fcr sich selbst in Anspruch nehmen m\u00f6chte und was nicht.<\/p>\n<h5>3. Probleme w\u00e4hrend der Transition<\/h5>\n<p>Es gibt praktisch keine Transitionsgeschichte, die v\u00f6llig problemfrei abgelaufen w\u00e4re. Das pers\u00f6nliche Umfeld l\u00f6st meist die ersten Probleme aus &#8211; Ablehnung, Ausgrenzung, einsetzende Probleme am Arbeitsplatz und ggf. sogar Verlust des Arbeitsplatzes, Probleme in der Familie, Eltern, Partner_in etc. Hier kann die Beratung mit helfen, erstens die Person selbst zu st\u00fctzen und zweitens ggf. auch gegen\u00fcber dem Umfeld erkl\u00e4rend einzugreifen. Oft haben Dritte in dieser Situation im Umfeld eine h\u00f6here Glaubw\u00fcrdigkeit, als die Betroffenen selbst.<\/p>\n<p>Und dann ist da noch der gro\u00dfe Bereich der formalen K\u00e4mpfe und Probleme. Praktisch jede Transitionsgeschichte ist voll von Widerspr\u00fcchen gegen Krankenkassen, \u00c4rger mit den Therapeuten, die keine Indikation oder Diagnose stellen wollen (oder Falsche), \u00c4rger mit den Gutachtern, \u00c4rger mit den Gerichten. Hier kommt wieder die Sachberatung zum Tragen &#8211; Beratung zur Formulierung von Antr\u00e4gen, Widerspr\u00fcchen, Verweis auf bereits ergangene Urteile und wenn alles nichts hilft, greifen wir auch schonmal selbst ein und sprechen mit \u00c4rzten, Therapeuten, den Kassen, dem MDK etc. Das kommt aber gl\u00fccklicherweise eher selten vor.<\/p>\n<p>Schicksale?<br \/>\nOhweh&#8230; eine Menge. Eine Vorstellung davon k\u00f6nnte Ihnen vielleicht folgende Studie zur &#8222;Lebenssituation von Transsexuellen in Nordrhein-Westfalen, Mai 2012&#8220; geben:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/trans-nrw.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/2012_05_07_E_Studie.pdf\" target=\"_blank\">http:\/\/trans-nrw.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/2012_05_07_E_Studie.pdf<\/a><\/p>\n<p>In der Beratung erleben wir nat\u00fcrlich vermehrt die F\u00e4lle, bei denen es Probleme gibt &#8211; wo es keine Probleme gibt, wird man sich nicht an eine Beratungsstelle wenden? Doch auch aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis sowie aktivistischen Kreisen kenne ich noch einige Trans*-Menschen mehr, als alleine durch meine Beratung.<\/p>\n<p>An Schicksalen findet man dort alles, vom Suizid \u00fcber chronische Depressionen, verpfuschte Operationen, \u00fcbergriffige Gutachter, bockende Therapeuten und \u00c4rzte, Verlust des Arbeitsplatzes (und nie wieder einen finden), Verlust der Familie oder einzelner Familienangeh\u00f6riger (Kontakt wird einfach abgebrochen), v\u00f6llige soziale Isolation, Opfer von transphoben \u00dcbergriffen, bishin zu Gewalt, einfach alles.<\/p>\n<p>Leider muss man sagen, dass eine Transition ohne solche Schicksalsschl\u00e4ge heute die absolute Ausnahme ist. Die meisten Beziehungen \u00fcberstehen die Transitionen des_der Partner_in nicht. Die meisten verlieren ihren Arbeitsplatz und gerade Transfrauen finden meist sp\u00e4ter keinen neuen mehr &#8211; erst recht nicht ihrer Qualifikation entsprechend, obwohl im Schnitt Trans*-Menschen \u00fcberdurchschnittlich qualifiziert sind. Der Verlust von Familie und Arbeitsplatz bringt viele in eine tiefe pers\u00f6nliche Krise &#8211; sich selbst gefunden, aber dennoch fast alles andere verloren.<\/p>\n<blockquote><p>3.: Warum ist diese spezielle Personengruppe in unserer Gesellschaft so ein Tabu?<\/p><\/blockquote>\n<p>Tabu w\u00fcrde ich nicht (mehr) sagen. Man spricht dar\u00fcber und kann dar\u00fcber sprechen. Doch es ist immernoch mit vielen Vorurteilen besetzt. Oft ist es auch noch so, dass wenn es in den Medien gezeigt wird, viele dann noch mit Verst\u00e4ndnis oder zumindest neutral reagieren. Das \u00e4ndert sich allerdings schlagartig, wenn es in der eigenen Familie passiert, der_die Kolleg_in am Schreibtisch nebenan, der_die Mitsch\u00fcler_in etc. Es ist doch jedem das eigene Hemd am n\u00e4chsten&#8230;<\/p>\n<p>Die Frage k\u00f6nnte also eher sein, warum ist es nach wie vor so ein gro\u00dfes Problem?<\/p>\n<p>Ich glaube, dass dies in die gleiche Richtung l\u00e4uft, wie die Probleme mit der gleichgeschlechtlichen Ehe oder dem Bildungsplan in BaW\u00fc. Dieses rein bin\u00e4re Geschlechtermodell, dass zudem auch noch von einer rein biologistischen Determination von Geschlecht ausgeht, ist einfach nicht bereit f\u00fcr Menschen, die an diesen Grundfesten Dutzender \u00dcberzeugungen r\u00fctteln und s\u00e4gen. Gehen Sie mal einen Tag durch Ihren Alltag und z\u00e4hlen Sie die Stellen, an denen Ihnen diese Zweigeschlechtlichkeit begegnet und Sie sich dazu bekennen m\u00fcssen &#8211; der Gang zur Toilette, die Anrede bei der Begr\u00fc\u00dfung, Anrede im Schriftverkehr, Sprache \u00fcberhaupt, etc. Sie werden erstaunt sein.<\/p>\n<p>Menschen, die dies in Frage stellen, fallen auf. Sie werden als &#8222;anders&#8220; wahrgenommen. Anders zu sein ist Druck, f\u00fcr die Person selbst, als auch f\u00fcr ihr Umfeld. Die Person selbst m\u00f6chte in der Regel nicht auffallen und internalisiert den Druck gegen sich selbst, um sich anzupassen und wieder &#8222;normal&#8220; zu sein. Die Gruppe wird in aller Regel auch Druck aus\u00fcben, schon alleine durch Nachfragen \u00fcber das Anderssein dieser Person, was den Druck auf die Person wieder verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Ist die Person dann nicht stark genug, um diesem Druck standzuhalten, wird es problematisch. Es verst\u00e4rkt noch die Ablehnung, denn sie zeigt Schw\u00e4che.<\/p>\n<p>Also ich glaube, Tabu w\u00e4re ein falscher Begriff daf\u00fcr. Es ist eher eine v\u00f6llige Verunsicherung, die Trans*-Menschen bei ihren Mitmenschen ausl\u00f6sen. Die meisten werden sich nie genau mit ihrem Geschlecht auseinander gesetzt haben und daher wird dann eine Transition einer nahe stehenden Person als Bedrohung des eigenen Geschlechts empfunden.<\/p>\n<p>Spannenderweise muss man auch sagen, dass Frauen damit meist deutlich entspannter umgehen als M\u00e4nner.<\/p>\n<blockquote><p>4. Mit welchen Hoffnungen appelieren Sie an unsere Gesellschaft?<\/p><\/blockquote>\n<p>Dies erg\u00e4nzt gewisserma\u00dfen, was ich zu 3. schrieb.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen zuerst die zweigeschlechtlichen Institutionen \u00f6ffnen, flexibilisieren oder teils sogar ganz abschaffen, damit Raum entsteht, f\u00fcr etwas dazwischen. Zur Zeit ist es nur f\u00fcr eine kleine Gruppe von Menschen \u00fcberhaupt m\u00f6glich, jenseits des Bin\u00e4rs zu denken. Die M\u00f6glichkeit dieses Denkens sollte jedoch Mainstream sein &#8211; nicht das Abschaffen der Geschlechter per-se, das ist immer so eine bl\u00f6de Unterstellung, sondern die Bereitschaft f\u00fcr ein offenes Denken.<\/p>\n<p>Ich hatte im Rahmen meiner Outings ein paar nette Gespr\u00e4che mit Menschen, die ich mit einem kleinen Vortrag in ihrem bin\u00e4ren Denken, wenn auch nur kurz, verunsichern konnte. Das war dann der Punkt, an dem sie beginnen konnten ein wenig zu verstehen, was Trans*-sein sein k\u00f6nnte &#8211; kein Spleen, keine Marotte und vor allem keine Show und kein Fetisch. Es \u00f6ffnete das Denken und das war alles, was ich erreichen wollte.<\/p>\n<p>Meine Hoffnung ist, dass wir in den letzten Jahren, heute und in Zukunft einen stetigen Prozess des Wandels sehen und erleben &#8211; in fast allen westlichen Kulturen. Die Gesellschaften werden toleranter, ja sogar die Akzeptanz steigt. Auch Gesetzes\u00e4nderungen werden m\u00f6glich, d.h. es gibt Mehrheiten daf\u00fcr. Die seit den fr\u00fchen 1980er (!) Jahren aktive Schwul-Lesbische-Bewegung hat in den letzten fast 40 Jahren kontinuierlich gro\u00dfartige Arbeit daf\u00fcr geleistet, deren Fr\u00fcchte nun langsam reif zu werden beginnen.<\/p>\n<p>Doch das sind sehr zarte Pfl\u00e4nzchen. Der Weg hierher hat genau genommen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen (vgl. Magnus Hirschfeld, Berlin). Gut ein Jahrhundert der Aufkl\u00e4rung konnte es jedoch nicht verhindern, dass mit einem Fingerstreich diese Entwicklung z.B. in Russland zunichte gemacht wurde. Und gleichsam mit dem Hintern dieses Elefanten im Porzellanladen wird auch gleich die ganze Arbeit in vielen der ehemaligen Sowjet Republiken mit eingerissen. Die Wellen dieses Kahlschlags schwappen sogar bis nach Deutschland, Homophobie steigt wieder an, in Klassenzimmern und Schulh\u00f6fen ist &#8222;schwul&#8220; wieder eines der meistgebrauchten Schimpfw\u00f6rter und Aufkl\u00e4rung zur geschlechtlichen Vielfalt wird als &#8222;schwule Propaganda&#8220; denunziert. Raten Sie mal, wie Transfrauen meist beschimpft werden? Schwuchtel, Tunte und dergl.<\/p>\n<p>Mein Appell? Wehret den Anf\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Gerade wir hier in Deutschland sollte noch sehr gut wissen, was es bedeutet, Minderheiten und Randgruppen an den Pranger zu stellen, zu denunzieren und mit negativen Werturteilen zu belegen. Dies darf, egal gegen wen, nie wieder salonf\u00e4hig werden.<\/p>\n<p>Es gilt zu sensibilisieren und Offenheit und zumindest Toleranz zu lehren &#8211; wenn schon Akzeptanz nicht erreicht wird, dann zumindest Toleranz. In der Ausbildung sagt man &#8222;Lehre, lerne, \u00fcbe&#8220;. So sieht es aus &#8211; wir m\u00fcssen Offenheit, Toleranz und Akzeptanz zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt lehren, damit es gelernt wird und anschlie\u00dfend (ausge-)\u00fcbt werden kann. Daher sind Aufkl\u00e4rungsprojekte wie SchLAu ebenso wichtig, wie reformierte Bildungspl\u00e4ne und eine wertfreie und offene Berichterstattung. Zur Zeit sieht es so aus, dass wenn \u00fcber Trans*-Menschen berichtet wird, dies zumeist biografische und schon fast voyeuristische Berichte einzelner Schicksale sind. Die eigentlich n\u00f6tige Information wird damit nicht transportiert, n\u00e4mlich das Trans*-Menschen ganz normale Menschen wie jeder andere auch sind, nur das dummerweise ihr K\u00f6rper (in Teilen) nicht zu ihrem Selbstempfinden passt. Die einzelne Biografie gibt nicht viel her, wenn es darum geht, allgemeines Verst\u00e4ndnis und Akzeptanz zu f\u00f6rdern. Es ist dann immernoch &#8222;nur&#8220; der_die eine Exot_in.<\/p>\n<p>Einher mit der \u00d6ffnung der Gesellschaft muss auch eine deutliche Verbesserung der rechtlichen Lage von Trans*-Menschen erfolgen. Die Anpassung von amtlichem Vornamen und Geschlechtseintrag (Personenstand) darf nicht abh\u00e4ngig von Gutachten gemacht werden. Basis kann und muss ausschlie\u00dflich die freie Selbsteinsch\u00e4tzung und Selbstverantwortung der Betroffenen sein &#8211; so wie es der Europarat fordert und so wie es in einigen Europ\u00e4ischen Staaten bereits umgesetzt ist. Kurz &#8211; das TSG muss weg. In Deutschland ist seit den 1980er Jahren dazu praktisch nichts mehr passiert und dies f\u00fchrt zu einer eher peinlich desolaten Situation hierzulande. F\u00fcr eine gro\u00dfe Leitnation, als welche unsere Regierung Deutschland gerne darzustellen versucht, ein Armutszeugnis. Wir jetzt jetzt sogar schon hinter das erz-katholische und konservative Irland zur\u00fcckgefallen, die 2015 die gleichgeschlechtliche Ehe und rechtliche Absicherung von Trans*-Menschen per Gesetz geregelt hat.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen auch f\u00fcr eine noch st\u00e4rkere Absicherung der medizinischen Behandlung sorgen. Zur Zeit werden viele Betroffene in den M\u00fchlen der Krankenkassen Verwaltungen zwischen MDK, Kasse und \u00c4rzten aufgerieben. Leistungen m\u00fcssen teils m\u00fchsam erstritten werden. Nicht wenige Betroffene zerbrechen an dieser Doppelbelastung &#8211; zuerst die Transition an sich und dann auch noch die Infragestellung durch \u00c4rzte, Kassen und MDK.<\/p>\n<p>Dies sind die wichtigen gesellschaftlichen Probleme &#8211; Offenheit, Akzeptanz und umfassende rechtliche Absicherung. In Artikel 1 der Menschenrechtskonvention hei\u00dft es<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;All human beings are born free and equal in dignity and rights.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>und Artikel 2 pr\u00e4zisiert:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Everyone is entitled to all the rights and freedoms set forth in this<br \/>\nDeclaration, without distinction of any kind, such as race, colour, sex,<br \/>\nlanguage, religion, political or other opinion, national or social<br \/>\norigin, property, birth or other status.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/www.un.org\/en\/documents\/udhr\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.un.org\/en\/documents\/udhr\/<\/a><\/p>\n<p>Zur Zeit gibt es diese Ungleichbehandlung. Trans* und Inter* Menschen m\u00fcssen etwas unter Beweis stellen und ausf\u00fchrlich intim begr\u00fcnden, wozu kein anderer Mensch gezwungen wird und gezwungen werden darf: Ihre freie geschlechtliche Selbstbestimmung (engl. &#8222;sex&#8220;).<\/p>\n<p>Mein Appell? Gesteht Trans*- und Inter*-Menschen endlich ihre Menschenrechte und Menschenw\u00fcrde zu. Nicht mehr und nicht weniger. Alles weitere folgt eigentlich ganz von alleine daraus.<\/p>\n<p>Meine Hoffnungen, nun, ich bin kein negativer Mensch. Solange ich atme, kann ich noch etwas ver\u00e4ndern und das ist meine Hoffnung. Wir k\u00f6nnen etwas ver\u00e4ndern, etwas bewegen, diese Gesellschaft zu einer offeneren und besseren Gesellschaft machen, mit mehr Toleranz und Akzeptanz f\u00fcr alle die irgendwie &#8222;anders&#8220; sind &#8211; seien es Menschen mit Migrationshintergrund, People of Color, Intersexuelle oder Trans*-Menschen.<\/p>\n<p>Doch das ist noch ein langer Weg und ich bin mir recht sicher, dass ich das Erreichen dieses Ziels nicht mehr erleben werde. Es lohnt sich aber dennoch daf\u00fcr einzutreten, daf\u00fcr zu streiten und vielleicht auch pers\u00f6nliche Opfer daf\u00fcr zu bringen. Jeder auch nur noch so kleine Schritt vorw\u00e4rts, ist ein Schritt in die richtige Richtung und wird Nachfolger_innen von Nutzen sein; es ihnen etwas leichter auf ihrem Weg machen, einfach nur sie selbst sein zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Geben Sie mir noch einen Tag und mir fallen sicherlich weitere 100 Dinge ein&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mir wurden gerade ein paar Fragen gestellt, zu denen ich etwas ausf\u00fchrlicher geantwortet habe. Vielleicht ist das ja auch noch f\u00fcr andere von Interesse: 1.: Mit welchen gesellschaftlichen Vorurteilen haben Transidente sowie Intersexuelle Menschen besonders zu k\u00e4mpfen? Und weshalb glauben Sie, dass das so ist? 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