{"id":41,"date":"2014-11-24T01:06:00","date_gmt":"2014-11-24T00:06:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nf.dpin.de\/?p=41"},"modified":"2014-11-24T01:06:00","modified_gmt":"2014-11-24T00:06:00","slug":"im-tal-der-traenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/im-tal-der-traenen\/","title":{"rendered":"Im Tal der Tr\u00e4nen"},"content":{"rendered":"<p>Was tust Du, wenn die Trauer Deine letzten Tr\u00e4nen aus Dir heraus presst und die Wut Dich l\u00e4hmt, sich aber alles in Dir dieser Ohnmacht zu widersetzen versucht, sich aufb\u00e4umt, gegen einen unsichtbaren Widersacher?<\/p>\n<p>\nLetzte Nacht machte ich einen Fehler. Ich dachte, ich k\u00f6nnte mir noch, ganz unverbindlich, die ersten paar Minuten des Films &#8222;A Girl Like Me&#8220; ansehen. Ein dokumentarischer Spielfilm \u00fcber das Leben und vor allem den tragischen Tod von Gwen Araujo [1]. Im Prinzip kannte ich die Geschichte, dachte ich. Eine junge Transfrau, die 2002 im Californischen Newark einem transphoben [2] Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. Der Film stellt die Geschehnisse bis zu ihrem schrecklichen Tod in R\u00fcckblenden aus dem Kontext der Gerichtsverhandlung gegen ihre vier m\u00e4nnlichen Angreifer dar.<\/p>\n<p>Mit dem Wissen, was passieren w\u00fcrde, war etwa die erste H\u00e4lfte des Films noch auszuhalten. Mehrere R\u00fcckblenden schilderten ihre Kindheit, die auf diese oder andere Art und Weise sicherlich alle Trans-Menschen sehr \u00e4hnlich erlebt haben. Die immer weiter reifende Gewissheit, einfach anders zu sein und das unstillbare Verlangen, dieser Andersartigkeit Ausdruck zu verleihen, f\u00fchrt sehr bald zu einem sich selbst verst\u00e4rkenden innere und \u00e4u\u00dferen Konflikt. Die Au\u00dfenwelt versteht sie nicht, lehnt sie ab, erkennt und akzeptiert sie nicht als das, was sie im Inneren ist und f\u00fchlt &#8211; ein junges M\u00e4dchen, mit allen W\u00fcnschen und Tr\u00e4umen, die junge M\u00e4dchen nunmal haben. Nur f\u00fcr sie waren sie nicht erreichbar und nicht lebbar. Jeder Versuch f\u00fchrt zu \u00e4u\u00dferer Ablehnung und wieder neuen Konflikten, bis sie sich selbst in Frage stellt, ja stellen muss. Bin ich falsch oder ist mein Umfeld falsch?<\/p>\n<p>Selbst Betroffene sehen solche Schilderungen mit gemischten Gef\u00fchlen. Sie haben sehr oft \u00e4hnliches durchmachen m\u00fcssen und identifizieren sich dadurch sehr stark mit einer solchen Person. So auch ich. Es kam mir alles auf die ein oder andere Art bekannt vor &#8211; abgesehen von dem Detail, dass ich nie eine Beziehung mit Jungs eingehen wollte. Doch alles andere? Oh ja! Die Selbstzweifel, gerade in der fr\u00fchen Jugend, das Gef\u00fchl, falsch und einfach nur kaputt zu sein, das Hirn zermarternd, warum man diese Gef\u00fchle hat, warum ich? Und warum schien bei allen anderen alles so normal zu sein, nur bei mir nicht? Das Selbstwertgef\u00fchl geht gegen Null, das Selbstwusstsein gleich mit und man wird zum Spielball der &#8222;Normalen&#8220;. Kaum ein Tag vergeht, an dem man nicht geh\u00e4nselt, ausgegrenzt, drangsaliert und ausgesto\u00dfen wird, wegen etwas, f\u00fcr das man nichts kann und das man selbst nicht beeinflussen oder steuern kann. F\u00fcr alle anderen ist man das perfekte Opfer.<\/p>\n<p>Im Film spitzen sich langsam die Ereignisse zu. Die Konflikte werden drastischer, das Kind wird zum jungen Menschen, zu einer jungen Frau, die nicht anders kann, als ihrer Pers\u00f6nlichkeit Ausdruck zu verleihen &#8211; und dadurch endlich ein wenig Akzeptanz erf\u00e4hrt, doch damit auch angreifbarer wird. Ihr K\u00f6rper ist nach wie vor m\u00e4nnlich, doch sie lebt nun ihr Leben, wie es Ihrer Identit\u00e4t entspricht. Doch die Konflikte nehmen nicht ab, sie werden h\u00e4rter und gehen tiefer. Jetzt geht es nicht mehr nur um \u00c4u\u00dferlichkeiten, sondern um Liebesaff\u00e4ren mit jungen M\u00e4nnern und den daraus resultierenden Problemen. Niemand wei\u00df von ihrer Andersartigkeit &#8211; noch nicht. Ich kann es mitf\u00fchlen, wie Gwen in diesen Strudel gesogen wird. Gefangen im Konflikt zwischen Notl\u00fcge und Identit\u00e4t, zerrissen zwischen Identit\u00e4t und Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Das Vorwissen \u00fcber die Geschichte beginnt mir die Kehle zuzuschn\u00fcren.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nur zu gut, in welcher unmenschlichen H\u00f6lle sie nun gefangen ist. Eine H\u00f6lle ohne Ausweg und Hilfe. Als Ihre Mutter erf\u00e4hrt, welchen Problemen und teils t\u00e4tlichen Angriffen Gwen tagt\u00e4glich ausgesetzt ist, beginnt sie zu verstehen und stellt sich endlich sch\u00fctzend vor sie und verteidigt sie in ihrer Familie.<\/p>\n<p>Ich ringe mit den Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p>Doch es ist bereits zu sp\u00e4t. Vier m\u00e4nnliche Jugendliche schmieden heimt\u00fcckisch einen Plan, locken Gwen in eine Falle und zwingen sie, ihr &#8222;Geheimnis&#8220; zu offenbaren. In den folgende F\u00dcNF Stunden wird sie immer wieder geschlagen, verpr\u00fcgelt, getreten und schlussendlich erw\u00fcrgt. F\u00fcnf Stunden Folter, f\u00fcnf Stunden unaussprechlichen Leids, Qual, \u00dcberlebenskampf, bis zu Ihrem qualvollen Tod.<\/p>\n<p>Ich beginne heftig zu weinen &#8211; und h\u00f6re nicht mehr auf.<\/p>\n<p>Durch einen Ozean der Tr\u00e4nen muss ich mit ansehen, wie ihr Tod die Spaltung der Gesellschaft aufzeigt. Von tiefstem Mitgef\u00fchl, Anteilnahme und Akzeptanz des Menschen und der Person, bis hin zu blinder Verblendung und blankem Hass auf alles Andersartige. Es gab sogar welche, die es zu rechtfertigen versuchten, indem sie Gwen selbst Schuld an allem gaben.<\/p>\n<p>In mir steigt Wut auf und verb\u00fcndet sich mit nicht endender Trauer.<\/p>\n<p>Die Gerichtsverhandlung endet, die letzten Vernehmungen und alles wird reduziert, auf ein abscheuliches Gewaltverbechen. Doch warum es dazu kam, kommt nicht zur Sprache. Es wird vielmehr ignoriert und bewusst ausgeblendet. Das Resultat ist eine Verurteilung wegen Totschlags. Die Heimt\u00fccke, die niederen Beweggr\u00fcnde und die Tatsache, dass es sich klar um ein geplantes Hassverbrechen handelt, blieben unber\u00fccksichtigt. Justizias Blindheit ist nicht immer ein Vorteil.<\/p>\n<p>Meine Trauer und Wut bekommen einen neuen schrecklichen Gesellen &#8211; Ohnmacht.<\/p>\n<p>Alles ist in Tr\u00e4nen getr\u00e4nkt und ich finde diese Nacht kaum Schlaf.<\/p>\n<p>Einige schreckliche Erkenntnisse steigen langsam in mir auf.<\/p>\n<p>\nBis vor einem Jahr spielte sich bei mir noch alles in meinem Kopf ab. Nicht sch\u00f6n, aber \u00e4u\u00dferlich war ich ein &#8222;normales&#8220; m\u00e4nnliches Mitglied der Gesellschaft. Wei\u00df, m\u00e4nnlich, eurasisch und auch sonst kein Mitglied irgendeiner Minderheit. Diskriminierung jeglicher Art fand ich nat\u00fcrlich schlimm, aber sie war mir fern. Ich musste nie ins Kalk\u00fcl ziehen, auch nicht auf Reisen in die entlegensten Winkel der Erde, dass ich wegen einer meiner Eigenschaften irgendwo Diskriminierung erfahren k\u00f6nnte. Selbst als Ausl\u00e4nder ist man als Europ\u00e4er eigentlich \u00fcberall gut angesehen.<\/p>\n<p>Jetzt aber, indem ich mich zu mir selbst, meiner Identit\u00e4t und Pers\u00f6nlichkeit bekenne und dies offen und sichtbar lebe, katapultiere ich mich aus der vermeintlichen Mitte hinaus an den Rand der Gemeinschaft. Ich geh\u00f6re nun in mehrfacher Hinsicht zu einer gef\u00e4hrdeten Randgruppe.<\/p>\n<p>Ich bin weiblich und schon alleine dies ist in vielen Regionen der Welt ein gewaltiger Nachteil, wenngleich etwa die H\u00e4lfte aller Menschen Weiblich sind! Wor\u00fcber ich zuvor zwar nachdenklich den Kopf sch\u00fcttelte, wird nun zu einer realen Einschr\u00e4nkung. Kann ich noch ungehindert \u00fcberall hin reisen? In Saudi d\u00fcrfte ich jetzt nichteinmal mehr Auto fahren! Indem ich mir bewusst das Recht gab, so zu leben, wie es f\u00fcr mich richtig ist, habe ich unbewusst andere Rechte aufgegeben.<\/p>\n<p>Zudem bin ich auch noch Trans*. Ich habe die Dreistigkeit besessen, meine Identit\u00e4t \u00fcber die Biologie zu erheben. Ich widersetze mich der vermeintlich Natur gegebenem Ordnung der Dinge. Ich zwinge meine Mitmenschen dazu, scheinbar Selbstverst\u00e4ndliches in Frage zu stellen. Und dann bricht heraus, was wir schon lange \u00fcberwunden glaubten &#8211; Ur\u00e4ngste vor dem Anderen. Auf einmal sind Jahrhunderte der Aufkl\u00e4rung und des Humanismus dahin. Reflexartig wird auf einmal mit allen gerade zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln ein Vernichtungsfeldzug gegen alles ausgerufen, dass nicht in das archaische Weltbild zu passen scheint. Nach einem Warum wird nicht gefragt.<\/p>\n<p>Wir haben die Zeit der Glaubenskriege keinesfalls hinter uns gelassen. Die Schlachtfelder sind nur andere. Die Zivilisationsdecke, die Andersartige, wie mich, tr\u00e4gt, ist d\u00fcnn. Und all zu oft bricht sie ein, so wie es 2002 bei Gwen leider passierte. In den letzten 12 Jahren, seit ihrem gewaltsamen transphoben Tod, hat sich zwar einiges zum Besseren ver\u00e4ndert, doch sind wir lange noch nicht am Ziel. Was zuvor eine dumpfe Bedrohung f\u00fcr andere war, wird nun auf einmal f\u00fcr mich eine reale Angst. Das ist eine neue und sehr beunruhigende Erfahrung f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Ereignisse und vor allem die Art und Weise der Ereignisse, wie sie Gwen widerfuhren, gibt es nach wie vor. Und nach wie vor sind es die gleichen Mechanismen und die gleichen Motivationen und Motive jener selbsternannten S\u00e4uberer und Aufrechterhalter der angeblichen moralischen Integrit\u00e4t der Gesellschaft. Moral und Normvorstellungen, die mit nichts zu rechtfertigen sind, als einer angestaubten und br\u00fcchigen Tradition.<\/p>\n<p>Es ist ein ungleicher Kampf, den diese Minderheiten, zu denen ich jetzt zweifelsfrei geh\u00f6re, gegen einen \u00fcberm\u00e4chtigen Gegner zu f\u00fchren haben. Menschen wie Gwen und die Millionen weitere &#8222;Anderer&#8220; k\u00f6nnen aber nicht anders, als ihn zu f\u00fchren. Denn g\u00e4ben wir auf, so m\u00fcssen wir gleichfalls den Anspruch aufgeben, ein selbstbestimmtes und selbstverwirklichendes Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Selbstbestimmung und pers\u00f6nliche Selbsterf\u00fcllung sind Grund- und Menschenrechte. Rechte, die jedem Menschen, sei er auch noch so anders, zustehen und f\u00fcr die wir selbst einstehen m\u00fcssen. Wir m\u00fcssen sie uns selbst erk\u00e4mpfen und selbst erhalten. An unserer statt wird es niemand f\u00fcr uns tun.<\/p>\n<p>Ich glaube, dieser Kampf wird nie enden und er darf auch nie enden. Minderheiten und Randgruppen werden immer Minderheiten und Randgruppen bleiben. Sie laufen deshalb immer Gefahr, von der Mehrheit unterdr\u00fcckt und in ihren Grundrechten beschnitten zu werden. Es gibt keine Epoche und keine Region auf dieser Erde, in der dies nicht der Fall gewesen w\u00e4re und sogar bis heute so ist.<\/p>\n<p>Auch wenn es wie ein aussichtsloser Kampf erscheint, so ist jede_r Angeh\u00f6rige einer Minderheit dazu aufgerufen, die eigene Ohnmacht zu \u00fcberwinden und aktiv, wo immer dies n\u00f6tig erscheint, f\u00fcr die Rechte einzutreten, die ihr zustehen. Nur weil man akut keine Bedrohung f\u00fcr sich selbst sieht, bedeutet es noch lange nicht, dass es keine g\u00e4be. Wie d\u00fcnn die uns tragende Decke ist, sieht man immer wieder. Ablehnung und Resentiments wachsen langsam, bevor sie offen zu Tage treten. Sind sie aufgestaut, braucht es nur noch einen ausl\u00f6senden Moment, um die niedrigsten Instinkte zu wecken. Doch dann ist es zu sp\u00e4t, viel zu sp\u00e4t, selbst f\u00fcr Schadensbegrenzung.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen viel fr\u00fcher t\u00e4tig werden, noch lange bevor Anzeichen sichtbar werden. Dies ist eine Erkenntnis, die langsam in mir reifte. Zuvor hielt ich es auch f\u00fcr Panikmache und unn\u00f6tige Hysterie. Nur leider f\u00fchren Randgruppenprobleme auch schnell zu gewaltt\u00e4tigen Vorf\u00e4llen, von denen jeder einzelne bereits einer zuviel ist. Nur weil ein Mensch ist wie er ist, darf er niemals unterdr\u00fcckt und schon gar nicht Opfer von irgendeiner Form von Gewalt werden.<\/p>\n<p>\nNein, es war doch kein Fehler, den Film gesehen zu haben.<\/p>\n<p>Es war vielmehr ein Weckruf, ein n\u00f6tiger.<\/p>\n<p>[1] Wikipedia, The Murder of Gwen Araujo<br \/>\nhttps:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Murder_of_Gwen_Araujo<\/p>\n<p>[2] Wikipedia, Transphobie<br \/>\nhttp:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Transphobie<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was tust Du, wenn die Trauer Deine letzten Tr\u00e4nen aus Dir heraus presst und die Wut Dich l\u00e4hmt, sich aber alles in Dir dieser Ohnmacht zu widersetzen versucht, sich aufb\u00e4umt, gegen einen unsichtbaren Widersacher? Letzte Nacht machte ich einen Fehler. Ich dachte, ich k\u00f6nnte mir noch, ganz unverbindlich, die ersten paar Minuten des Films &#8222;A Girl Like Me&#8220; ansehen. 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