{"id":411,"date":"2015-12-04T17:18:00","date_gmt":"2015-12-04T16:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nf.dpin.de\/?p=411"},"modified":"2015-12-04T17:18:00","modified_gmt":"2015-12-04T16:18:00","slug":"trans-der-versuch-alles-gleich-zu-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/trans-der-versuch-alles-gleich-zu-machen\/","title":{"rendered":"Trans* &#8211; Der Versuch alles gleich zu machen?"},"content":{"rendered":"<p>In j\u00fcngerer Vergangenheit, gerade im Zusammenhang mit der Gr\u00fcndung des Bundesverband-Trans* und der nun ins Leben gerufenen Landesarbeitsgemeinschaft-Trans* (LAG Trans* NRW) wird, von immer den gleichen Gruppen und Personen, sehr lautstark Kritik ge\u00fcbt. Einer der Hauptkritikpunkte ist immer wieder, dass die speziellen Themen und Probleme von transsexuellen Menschen damit unter den Tisch gekehrt w\u00fcrden, transsexuelle Menschen damit in ihrer speziellen Lage unsichtbar gemacht oder in einen Topf mit allen Trans* geworfen w\u00fcrden. Immer wieder ist auch von dem Aufheben der bin\u00e4ren Geschlechtergrenzen die Rede oder das Geschlecht gar v\u00f6llig abgeschafft werden solle und das Trans* mit daf\u00fcr sorgen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal ist jede solche Verallgemeinerung problematisch. Nur weil man eine geschlechtliche Vielfalt anerkennt, bedeutet das doch im Umkehrschluss nicht, dass man die Binarit\u00e4t ausschlie\u00dfen w\u00fcrde. Nat\u00fcrlich gibt es weiterhin M\u00e4nner und Frauen, warum denn auch nicht? Und auch M\u00e4nner und Frauen mit einer transsexuellen Vergangenheit oder wie auch immer sie sich selbst beschreiben m\u00f6chten. Das bleibt doch jedem nach wie vor v\u00f6llig unbenommen?<\/p>\n<p>Jahrzehnte lang haben auch andere Gruppen genau diese Streitigkeiten um Abgrenzungen gef\u00fchrt und am Ende feststellen m\u00fcssen, dass es als streng definierte und abgegrenzte Einzelgr\u00fcppchen nicht vorw\u00e4rts geht. Sie fanden sich daher trotzdem zusammen, unter einem Dach und suchten lieber Gemeinsamkeiten, statt Differenzen. Das ist bei ganz vielen Gruppen so, die gemeinsam etwas erreichen m\u00f6chten. Schauen wir uns alleine mal die \u00f6ffentlich sichtbaren Auseinandersetzungen innerhalb der politischen Parteien an. Da ist niemand wie der_die andere und alle w\u00fcrde sich vehement dagegen wehren, nur mit dem Parteiprogramm oder nur mit einem_einer anderen Parteikolleg_in gleichgesetzt zu werden. Nat\u00fcrlich sind sie alle unterschiedlich und haben mehr oder weniger gro\u00dfe Differenzen zur gro\u00dfen Linie der Gruppe. Aber dennoch gibt es mehr \u00dcbereinstimmungen als Differenzen und deshalb bleiben sie unter ihrem gemeinsamen Dach.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnten gemeinsamen Ziele, einer gr\u00f6\u00dfer gefasste Trans* Community sein?<br \/>\nNun, ich denke das Problem f\u00e4ngt schon damit, wie man denn &#8222;andere&#8220; Gruppen klarer definieren sollte. Alleine die Definition von Transsexualit\u00e4t ist, wie wir immer wieder merken, h\u00f6chst unterschiedlich. F\u00fcr die einen ist nur &#8222;echt&#8220; wer auch alle OPs und sonstige Ma\u00dfnahmen hinter sich gebracht hat, f\u00fcr andere ist alleine der Wunsch danach ausschlaggebend und wieder andere legen es noch weiter aus. Wo f\u00e4ngt es an, wo h\u00f6rt es auf? Und wer h\u00e4tte daf\u00fcr die Deutungsmacht, wer sollte das festlegen? Es ist fast unm\u00f6glich, hierf\u00fcr eine gute Definition zu geben. Hinzu kommt, dass gerade in j\u00fcngerer Zeit immer mehr Menschen f\u00fcr sich in Anspruch nehmen, sich nicht mehr vollst\u00e4ndig bin\u00e4r zu verorten. Sie nehmen nur Teile dessen, was wir im Katalog der Ma\u00dfnahmen f\u00fcr Transsexuelle kennen, in Anspruch, weil sie sich mit den anderen Dingen nicht identifizieren k\u00f6nnen oder aus welchen Gr\u00fcnden auch immer. Diese Gr\u00fcnde sind auch von Dritten nicht in Frage zu stellen, es ist, genau wie die Selbstbestimmung als transsexuelle Person, ihre freie eigene Entscheidung.<\/p>\n<p>Alle gemeinsam haben jedoch das Problem, dass unsere Gesellschaft cis- und heteronormativ ist. Dies ist f\u00fcr uns alle, egal wo und wie wir uns auf dem Trans*Spektrum verorten, ein Problem. Wer an seinem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht zweifelt oder sogar etwas daran ver\u00e4ndern m\u00f6chte, egal was, begegnet gesellschaftlichen Widerst\u00e4nden. Diese Widerst\u00e4nde abzubauen, f\u00fcr Aufkl\u00e4rung zu sorgen, f\u00fcr breitere Akzeptanz, das w\u00e4re bspw. ein gutes gemeinsames Ziel.<\/p>\n<p>Eine solche Bewegung ist auch emanzipatorisch und, wie man heute sagt, &#8222;empowernd&#8220;, also f\u00fcr Betroffene best\u00e4rkend. Ich wei\u00df nicht, wie es anderen auf ihrem Weg erging, aber ich zumindest hatte schon sehr lange das Gef\u00fchl, mit meinem Anderssein sehr allein, hilflos und machtlos zu sein. Das \u00e4nderte sich jedoch, als ich andere Menschen wie mich kennenlernte, die mich darin best\u00e4rkten, in meinem Sein, so wie ich bin, v\u00f6llig in Ordnung zu sein. An der Stelle ist es dann relativ egal, wo auf dem Spektrum von Trans* die stehen, die best\u00e4rkend wirken und wo die Person steht, die best\u00e4rkt wird. Der alle verbindende Punkt ist hier, dass wir alle gemeinsam an der Cisnormativit\u00e4t der Gesellschaft zun\u00e4chst ausgebremst werden und diesen Widerstand \u00fcberwinden m\u00fcssen. Noch komplizierter wird es f\u00fcr die Personen, die eine Partnerschaft haben und die ihre Partnerschaft nach einer ggf. Transition behalten. Die, die zuvor eine heterosexuelle Partnerschaft hatten, finden sich dann auf einmal in der Au\u00dfenwahrnehmung in einer homosexuellen Partnerschaft wieder. Die Heteronormativit\u00e4t der Gesellschaft wird f\u00fcr sie dann auch auf einmal zum Problem.<\/p>\n<p>Bei alledem geht es dann \u00fcberhaupt nicht darum, wie trans* sich eine einzelne Person verortet. Fast alle Trans*Personen haben diese Probleme. Idealer w\u00e4re f\u00fcr uns alle eine Gesellschaft, in der die geschlechtliche Selbstbestimmung voll und ganz akzeptiert w\u00fcrde. Definiere ich mich als Frau, so hat die Gesellschaft dies zu akzeptieren, genau wie eine Selbstdefinition als Mann, als Transfrau, als Transmann, als Transgender oder als Trans*was-auch-immer. Allen Trans* ist gemeinsam, dass sie es aktuell nicht frei k\u00f6nnen. Wenn sie es aber k\u00f6nnten, w\u00fcrde vielen Menschen viel Leid erspart und ich bin davon \u00fcberzeugt, auch und gerade jenen, die sich als bin\u00e4r transsexuell verstehen. Denn auch f\u00fcr sie w\u00fcrde ihr Weg, vom Geburtsgeschlecht hin zu ihrer pers\u00f6nlich geschlechtlichen Lebensweise, deutlich einfacher werden.<\/p>\n<p>Nur um das nocheinmal ganz klar zu machen, mit der Gruppe Trans* soll niemandem seine Selbstbeschreibung streitig gemacht werden! Ganz im Gegenteil werde ich mich immer daf\u00fcr einsetzen, dass alle Trans*-Formen gleicherma\u00dfen benannt und ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n<p>Indem man sich dann zusammenschlie\u00dft, alle diese in vielen Punkten Unterschiedlichen, aber in vielem eben auch \u00c4hnlichen, kann man gemeinsame Themen auch gemeinsam bearbeiten und gemeinsam stark und selbstbewusst auftreten und f\u00fcr Ver\u00e4nderungen eintreten, die allen zu Gute kommen. Wenn alle Menschen bereits in den Schulen lernen w\u00fcrden, dass es eben Menschen gibt, die sich mit ihrem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht nur unzureichend oder sogar falsch beschrieben f\u00fchlen, dann w\u00e4re doch allen geholfen? Denn das w\u00fcrde die Akzeptanz aller trans* f\u00f6rdern und damit dann nat\u00fcrlich auch all jener, die sich selbst als transsexuell beschreiben. Wenn man lernen w\u00fcrde, dass Geschlecht nicht nur das ist und sein muss, was der Arzt oder die Hebamme nach der Geburt eintr\u00e4gt, sondern dass es da auch noch andere Faktoren gibt, wie n\u00e4mlich z.B. die Selbsteinsch\u00e4tzung. Dann w\u00fcrde es f\u00fcr alle leichter werden, dies auch anschlie\u00dfend zu leben &#8211; und f\u00fcr transsexuelle eine Transition zu machen. Wenn der Staat endlich anerkennen w\u00fcrde, dass nicht ausschlie\u00dflich das bei Geburt zugewiesene Geschlecht \u00fcber das Geschlecht einer Person bestimmt, sondern dass sie dies selbst aussagen kann und muss, dann w\u00fcrde es f\u00fcr alle einfacher werden &#8211; denn der daraus zu ziehende Schluss ist, dass dann eine Begutachtung nach TSG keine valide L\u00f6sung sein kann, denn sie unterstellt per-se, dass eine Person das eben gerade nicht selbst einsch\u00e4tzen kann und daher eine Begutachtung durch jemanden braucht, der_die dies beurteilen k\u00f6nne. Gleiches bei der medizinischen Versorgung etc. etc.<\/p>\n<p>Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass dadurch alle nur gewinnen k\u00f6nnen, wenn man es richtig macht und nicht Gruppen blind vereinnahmt, sondern die Unterschiedlichkeiten immer mitdenkt. Das ist zumindest mein Ziel und alle die ich bisher in den Gruppen von Trans*NRW oder dem Bundesverband-Trans* kennengelernt habe, geben sich allergr\u00f6\u00dfte M\u00fche, alle Gruppen, die es auf dem Trans* Spektrum gibt, stets mitzudenken. Durch die Sammelbezeichnung &#8222;Trans*&#8220; sollen sie nicht verschwinden oder gleichgesetzt werden. Es sollen nur alle gleicherma\u00dfen angesprochen werden, ohne eine Gruppe auszugrenzen oder zu bevorzugen.<\/p>\n<p>Zuguterletzt m\u00f6chte ich aber nat\u00fcrlich auch sagen, dass niemand erwartet, dass Gruppen wie Trans*NRW oder der Bundesverband-Trans* f\u00fcr alle wie auch immer Trans*Personen stehen k\u00f6nnten. Den Anspruch hat niemand. Wer sich damit nicht identifizieren kann oder m\u00f6chte, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, braucht sich nicht davon vertreten oder angesprochen zu f\u00fchlen. Das ist jedermenschs gutes Recht. Was ich nur nicht haben kann ist, dass blind sofort auf diese Gruppen geschossen wird, ohne auch nur einmal die Hintergr\u00fcnde und\/oder Ideen davon erfragt zu haben. Alleine die Buchstaben &#8222;Trans*&#8220; l\u00f6sen scheinbar einen Bei\u00dfreflex aus, der f\u00fcr meine Begriffe aus einer tiefen Verletztheit herr\u00fchrt. Noch bevor auch nur eine Zeile von diesen Gruppen ver\u00f6ffentlicht war, noch bevor eine Stellungnahme oder ein Papier geschrieben war, wurde sofort alles blind zerrissen. Das ist schade. Die Schwulenbewegung hatte genau diese Grabenk\u00e4mpfe, bis sie sich endlich zusammenrauften &#8211; das hat 30 Jahre (!) gedauert. Wollen wir uns auch so lange streiten und warten, um dann doch etwas gemeinsames zu beginnen?<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend m\u00f6chte ich noch pers\u00f6nlich hinzuf\u00fcgen, dass ich mich durch diese Diskussionen und Debatten jedesmal wieder auch stark pers\u00f6nlich angegriffen f\u00fchle. Ich definiere mich durchaus selbst auch als transsexuell und lebe dies auch entsprechend. Ich erwarte, \u00f6ffentlich als Frau angesehen, gelesen und behandelt zu werden. Ich bin mir jedoch meiner 42 Jahre m\u00e4nnlicher Vergangenheit sehr schmerzlich bewusst. Diese kann ich nicht verleugnen, sie sind da. Auch kann ich nicht wegignorieren, warum ich 42 Jahre gebraucht habe, um endlich ein selbstbestimmtes Leben zu f\u00fchren. Ein Grund daf\u00fcr war, dass es f\u00fcr mich zuvor, wegen der Cis-Normativit\u00e4t meines Umfelds und der Gesellschaft, v\u00f6llig unm\u00f6glich erschien, meine eigentliche geschlechtliche Identit\u00e4t zu leben. Erst als der Schmerz und der Druck zu gro\u00df und \u00fcberm\u00e4chtig wurde, fand ich dazu den Mut. Mit diesem Wissen versuche ich nun so gut es mir m\u00f6glich ist, diese Vergangenheit, die nunmal da ist, und mein jetziges Leben zu vereinen. Ich sehe mich daher durchaus als transsexuell, aber auch als trans*, im Sinne eines Spektrums. Ich geh\u00f6re zu jenen dieses Trans*Spektrums, die sich wohl am extremsten Ende davon befinden, zu jenen, die ihr bei Geburt zugewiesenes Geschlecht ablehnen und f\u00fcr sich das andere, das Transgeschlecht, als deutlich passender empfinden. Die Diskussionen um Ausschl\u00fcsse und Deutungshoheiten l\u00f6sen bei mir immer das Gef\u00fchl aus, mich rechtfertigen zu m\u00fcssen, was ich nicht mehr will &#8211; ich kann es auch nicht mehr. Ich w\u00fcnsche mir, dass jeder Mensch seine Geschlechtlichkeit frei und ungezwungen leben kann und daf\u00fcr auch jede Unterst\u00fctzung bekommt, die er_sie_x daf\u00fcr ben\u00f6tigt und jede Anerkennung die ihm_ihr_x daf\u00fcr zusteht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In j\u00fcngerer Vergangenheit, gerade im Zusammenhang mit der Gr\u00fcndung des Bundesverband-Trans* und der nun ins Leben gerufenen Landesarbeitsgemeinschaft-Trans* (LAG Trans* NRW) wird, von immer den gleichen Gruppen und Personen, sehr lautstark Kritik ge\u00fcbt. 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