{"id":480,"date":"2014-01-25T01:10:00","date_gmt":"2014-01-25T00:10:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nf.dpin.de\/?p=480"},"modified":"2014-01-25T01:10:00","modified_gmt":"2014-01-25T00:10:00","slug":"eigene-fortschritte-25-1-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/eigene-fortschritte-25-1-2014\/","title":{"rendered":"Eigene Fortschritte &#8211; 25.1.2014"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe mir lange \u00fcberlegt, ob ich irgendwie meine Fort- und ggf. R\u00fcckschritte hier aufschreiben, ein privates Tagebuch f\u00fchren oder es schlicht gar nicht aufschreiben sollte. Einerseits geht es eigentlich kaum jemanden ausser mir etwas an. Aber ich weiss, dass mein Ged\u00e4chtnis auch nicht das beste ist und ich werde einfach Dinge vergessen oder vielleicht auch verdr\u00e4ngen, an die ich mich eines Tages dann aber doch erinnern m\u00f6chte. Und vielleicht k\u00f6nnen meine Erfahrungen auf diesem Weg auch anderen helfen. Daher habe ich mich entschlossen es aufzuschreiben und dies auch hier \u00f6ffentlich zu tun. Nat\u00fcrlich werde ich hier nicht g\u00e4nzlich alles wiedergeben, aber das Wichtigste, so hoffe ich.<\/p>\n<p>Also wo fange ich mal an?<\/p>\n<p>Wie viele Transgender weiss auch ich schon lange, dass da etwas in mir im wahrsten Sinne des Wortes &#8222;d\u00fcmpelt&#8220; &#8211; es schwappte immer etwas hin und her und klopfte immer mal wieder an, je nachdem wie st\u00fcrmisch es gerade war. Die ersten Jahre hielt ich es auch f\u00fcr einen eher perversen Tick, eine Macke, eine Marotte. Das konnte unm\u00f6glich real sein. Soetwas gibt es doch nicht! Also darf es auch bloss niemand erfahren, die stecken mich sonst in die Klapsm\u00fchle!<\/p>\n<p>Aber diese Gedanken lassen einen nicht los &#8211; wir wissen das. Es l\u00e4sst mal nach, aber der Druck kommt zur\u00fcck und dann noch st\u00e4rker als zuvor. Man muss damit leben lernen. Man lernt damit aber dann auch, Schutzw\u00e4lle darum zu bauen. W\u00e4nde, die den eigentlich Kern vor uns verbergen, weil wir ihn f\u00fcr so abwegig, ja schlimm, halten, dass wir ihn einfach nicht sehen wollen. Bei Douglas Adams im Hitchhiker&#8217;s Guide To The Galaxy heissen solche Ph\u00e4nomene &#8222;PAL &#8211; Problem Anderer Leute&#8220;. Man weiss zwar, dass da etwas ist, aber man guckt beharrlich daran vorbei &#8211; &#8222;Es gibt nichts zu sehen! Gehen Sie weiter!&#8220;. Eine klassische Selbstt\u00e4uschung.<\/p>\n<p>Ich habe es tats\u00e4chlich geschafft, mich gute 30 Jahre lang auf diese Art selbst zu bel\u00fcgen &#8211; solange weiss ich eigentlich schon, was los ist, dass da ein M\u00e4dchen, heute eine Frau, in mir ist, die ich nur nicht rauslassen konnte. Heute, mit 43, beginne ich sie zu entdecken. Sehr sp\u00e4t, leider, aber noch nicht zu sp\u00e4t!<\/p>\n<p>Meine Schutzw\u00e4lle haben die ganzen Jahre grossartig funktioniert. Sie haben alles, was auch nur entfernt weiblich sein k\u00f6nnte, so weit aus meinem Leben gedr\u00e4ngt, sodass ich nie Gefahr lief mich, mich selbst oder durch andere entdeckt zu werden. Das weniger grossartige dabei war allerdings, dass eben alles, was auch nur entfernt weiblich sein k\u00f6nnte damit verschwand. Dazu z\u00e4hlten zum Beispiel auch Gef\u00fchle, Empathie &#8211; kurz, Menschlichkeit. Ich war eine gut funktionierende Maschine, rational und kalkulierend. Alles irrationale wurde instantan ausgeblendet. Nunja, ganz so schlimm ist es auch nicht, nat\u00fcrlich gab es gewisse Gef\u00fchle, Freude, \u00c4rger etc. Aber eben nur jene, die man relativ rationla erkl\u00e4ren kann. \u00dcber Witze kann man lachen, sie sind eben witzig. \u00dcber Erfolge kann man sich freuen, \u00fcber Missgeschicke \u00e4rgern. Das ist alles plausibel nachvollziehbar. Aber nicht nachvollziehbare Gef\u00fchle? Das ging nicht.<\/p>\n<p>Das schlimme daran ist, dass es einem selbst gar nicht auff\u00e4llt, bis man es selbst schafft, diese Mauern einzurei\u00dfen. Und manchmal braucht es Kraftanstrengungen, Mut und einen Tritt in den Hintern, um das endlich zu bewerkstelligen. Mein Tritt in den Hintern war der Entschluss zu dem Dresden Trip, den ich auch hier im <a href=\"http:\/\/nf.dpin.de\/beginn-einer-einmaligen-erfahrung\/\">Blog gr\u00f6\u00dftenteils beschrieben<\/a> habe. Das spannende daran ist, dass alleine der Entschluss zu dieser Reise diesen Prozess in Gang brachte. Die Reise selbst hat es nur noch verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Meine Mauern haben mit dieser Reise angefangen einzust\u00fcrzen. Gewankt haben sie schon seit ein paar Jahren und erste Risse bekamen sie vor fast genau zwei Jahren, Ende 2011 \/ Anfang 2012, als ich die Reportage \u00fcber die Schweizer Transfrau Claudia Meier im Fernsehen sah. Ich muss gestehen, dass mich die meisten anderen Reportagen \u00fcber Transfrauen eher zum Fremdsch\u00e4men animierten, doch der Bericht \u00fcber Claudia brachte mich fast zum weinen. Denn ich erkannte zum ersten mal wirklich, dass ich diesen Weg, den Claudia dort beschritten hatte, f\u00fcr mich gehen k\u00f6nnte. Ich erkannte zum ersten mal, dass dies eine reale M\u00f6glichkeit ist! Und f\u00fcr mich auch sein k\u00f6nnte! Es war das erste mal, dass ich mir selbst zugestand, vermutlich doch transsexuell zu sein.<\/p>\n<p>Heute stehe ich vor den enormen Schuttbergen, die diese Mauern zur\u00fcckgelassen haben und trage sie Schicht f\u00fcr Schicht ab und langsam kommt mein ganzes ich zum Vorschein. Im Oktober ging ich zum ersten mal zu einem Treffen der lokalen Transsexuellen Selbsthilfegruppe &#8211; ein grosser Schritt.<\/p>\n<p>Im November 2013 haben die Eindr\u00fccke und Ver\u00e4nderungen so weit in mir gegoren, dass sie Luft brauchten. Ich erkl\u00e4rte mich in einem langen Brief meiner Partnerin (de-facto Frau, wir sind nur schlicht nicht standesamtlich verheiratet). Ich wusste zu diesem Zeitpunkt ganz genau, dass &#8222;etwas&#8220; passieren musste und ich mit diesem in den Tag hinein leben bzw. es auf den n\u00e4chsten Tag verschieben nicht mehr leben konnte. Das Versteckspiel kotzte mich f\u00f6rmlich, also musste das aufh\u00f6ren, daher die Erkl\u00e4rung an Sie. Sie nahm es erstaunlich gut auf, kurz zusammengefasst: Tue was Du f\u00fcr n\u00f6tig h\u00e4ltst um gl\u00fccklich zu sein, dann bin ich auch ich gl\u00fccklich. Oh! Das war ja einfach. Ich liebe sie &#8211; nicht nur daf\u00fcr, aber deshalb um so mehr.<\/p>\n<p>Die daraufhin wieder gesteigerte Offenheit half mir enorm! Ich konnte nun endlich ohne Barrieren denken, denn ich wusste, ich habe ihren R\u00fcckhalt. Nur wenige Tage nach dem Brief hatte ich einen Gesundheitscheck bei meinem Hausarzt. Dort nahm ich allen Mut zusammen und sprach ihn am Ende des Check-Ups darauf an &#8211; dass ich da ein Problem mit meiner Geschlechtsidentit\u00e4t h\u00e4tte und vielleicht transsexuell sei. Zu meiner gro\u00dfen Erleichterung geht er damit v\u00f6llig offen und auch interessiert um! Einfach gro\u00dfartig und daf\u00fcr geb\u00fchrt ihm mein herzlicher Dank! Von der Selbsthilfegruppe hatte ich eine Adresse eines Psychologen mit Erfahrung in dem Bereich bekommen und liess mich dahin \u00fcberweisen. Zudem bat ich meinen Arzt um ein Anti-Androgen, um Trieb gesteuerte Ausl\u00f6ser definitiv auszuschliessen &#8211; ich bat ihn um 200mg Spironolacton, eigentlich ein Diuretikum aber mit einer mittleren anti androgenen Wirkung. Dies nehme ich seit dem und es hilft mir in der Tat, etwas den inneren Druck zu senken &#8211; eine der Wirkungen von Testosteron.<\/p>\n<p>Noch im November 2013 hatte ich dann auch meine erste Sitzung zur Bartentfernung mittels IPL &#8211; aua. Ende November habe ich dann einen Gesch\u00e4ftpartner aus der Firma eingeweiht, d.h. neben meinem Hausarzt und meiner Frau war er dann der Dritte und seine Reaktion war ebenfalls gro\u00dfartig, Interessiert und verst\u00e4ndnisvoll, soweit ein nicht-Trans* Mensch dies alles \u00fcberhaupt verstehen kann.<\/p>\n<p>Im Dezember hatte ich dann meinen ersten Termin bei dem Psychologen und erz\u00e4hlte ihm grob von Dresden und einigen Details aus meinem Leben, nach denen er dann fragte. Das ganze verlief aber eher, aus meiner Sicht, schleppend. Ich hatte ein paar mehr kritische Fragen erwartet, auf die ich h\u00e4tte mich h\u00e4tte rechtfertigen m\u00fcssen. Aber das blieb aus und der n\u00e4chste Termin war dann erst wieder am 21. Januar 2014.<\/p>\n<p>Im November 2013 hat es also begonnen. Da fing der Stein an zu rollen. Und er rollt noch immer!<\/p>\n<p>Die Weihnachtszeit verbrachten wir zusammen bei unseren Familien, zuerst bei meinen Eltern, darauf bei ihren. Zur\u00fcck zu Hause hatte ich wieder ein paar neue B\u00fccher zu lesen und eines davon beeindruckte und bewegte mich tief: Telefonate mit Denise. Das Buch entstand mehr oder weniger durch Zufall, als eine Journalistin f\u00fcr einen Artikel eine Transsexuelle, Denise, interviewte, sie das Thema aber anschliessend nicht mehr los lie\u00df. Es entsponnen sich n\u00e4chtelange Telefonate, aus denen dann dieses Buch entstand. Es schildert einf\u00fchlsam gr\u00f6\u00dftenteils in Dialogform das teils dramatische aber auch faszinierende Leben von Denise und wie sich die Entwicklung hin zu der Erkenntnis der eigenen Transsexualit\u00e4t abspielte. Der f\u00fcr mich wirklich ergreifende Teil daran ist, dass ich vieles von dem was Denise durchgemacht hat, auch an mir selbst feststelle &#8211; nicht alles, aber vieles.<\/p>\n<p>Im Laufe der weiteren Besch\u00e4ftigung damit begann ich endlich einen Weg zu finden, mit dem ich meinen Zustand vor mir selbst rechtfertigen konnte. Bis dahin hatte ich das gro\u00dfe Problem, dass ich unsicher war, denn alle basierte auf eher vagen Gef\u00fchlen. Und das ist f\u00fcr mich keine ausreichende Grundlage f\u00fcr eine Entscheidung, die mein ganzes weiteres Leben drastisch beeinflussen w\u00fcrde. Ich brauchte also mehr. Was mich auch die ganze Zeit besch\u00e4ftigte war die Frage, welche Bedeutung \u00c4u\u00dferlichkeiten dabei f\u00fcr mich spielten? Denn damit hat es ja angefangen, mit dem Bed\u00fcrfnis nach weiblicher Kleidung. Ich wollte absichtlich nicht, dass dieser Drang und dieser Wunsch meine Basis darstellten. Das w\u00e4re mir zu d\u00fcnn.<\/p>\n<p>In den freien Tagen vor Silvester hatte ich dann endlich meine Erkenntnis, die eigentlich die ganze Zeit so nahe lag: Identit\u00e4t &#8211; es steckt ja sogar breits im Begriff &#8222;Geschlechtsidentit\u00e4t&#8220;. Mit Identit\u00e4t einher geht Identifikation und das ist mein pers\u00f6nlciher Schl\u00fcssel. Ich identifiziere mich mit dem, was als weiblich angesehen wird. Es ist meine Identit\u00e4t. Und ich kann auch die Umkehrung machen &#8211; ich identifiziere mich nicht mit dem, was als m\u00e4nnlich angesehen wird.<\/p>\n<p>Dies hebt (oder senkt, wie man es sehen mag) das ganze auf eine Ebene, die getrennt ist von der bin\u00e4ren Geschlechterordnung Mann vs. Frau und es trennt es von der Sache her von \u00c4u\u00dferlichkeiten. Die \u00c4u\u00dferlichkeiten sind dann nur noch Ausdruck der Identifikation, Ausdrucksmittel, aber sie stellen nicht das eigentliche Wesen dar. Dies ist nun endlich etwas, worin ich v\u00f6llig klar sehe.<\/p>\n<p>Dies habe ich dann so auch am 21. Januar dem Psychologen auf ein paar Seiten Text zusammengefasst &#8211; ich kann besser schreiben als reden, da vergesse ich immer mir wichtige Punkte. Das war die zweite Sitzung bei ihm. Schockierenderweise sagte er mir nach ca. einer halben Stunde, dass er da keine Zweifel mehr h\u00e4tte, das sei alles klar durchdacht, ausgewigen, selbstreflektierend, zeige einen langen Reifungsprozess und eine tiefe Entschlossenheit bzw. nicht Umkehrbarkeit. Er w\u00fcrde mich also bei allem, was da nun auf meinem transsexuellen Weg l\u00e4ge, unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Da war ich erstmal etwas platt, aber nat\u00fcrlich auch etwas erfreut. Denn ganz offenbar waren meine Gedanken wohl f\u00fcr einen Professor der klinischen Psychologie schl\u00fcssig.<\/p>\n<p>Und nun stehe ich also da und halte praktisch den Schl\u00fcssel zu Pandoras Box in der Hand. Soll ich sie \u00f6ffnen?<\/p>\n<p>Es gibt da auch noch diesen sch\u00f6nen Spruch &#8222;Angst vor der eigenen Courage&#8220; &#8211; das trifft jetzt gut zu.<br \/>\nBisher war das alles sehr fern. Arztbesuche, Psychologe, Epilation &#8230; es schien alles noch lange hin zu sein, bevor es endg\u00fcltige Auswirkungen haben w\u00fcrde, bevor weitreichende und endg\u00fcltige Entscheidungen zu treffen w\u00e4ren. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, etwas sechs Monate bei dem Psychologen ersteinmal zu verbringen &#8211; nicht gewollt, doch damit hatte ich gerechnet. Ich hatte also noch sechs Monate Zeit, bis ich ein professionelles Urteil zu meiner Situation bekomme. Dachte ich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mir lange \u00fcberlegt, ob ich irgendwie meine Fort- und ggf. R\u00fcckschritte hier aufschreiben, ein privates Tagebuch f\u00fchren oder es schlicht gar nicht aufschreiben sollte. Einerseits geht es eigentlich kaum jemanden ausser mir etwas an. 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