{"id":650,"date":"2016-04-19T22:54:47","date_gmt":"2016-04-19T20:54:47","guid":{"rendered":"http:\/\/nf.dpin.de\/?p=650"},"modified":"2016-04-19T22:54:47","modified_gmt":"2016-04-19T20:54:47","slug":"begegnungen-flashback","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/begegnungen-flashback\/","title":{"rendered":"Begegnungen &#8211; Flashback?"},"content":{"rendered":"<p>Heute hatte ich zwei irgendwie doch interessante Begegnungen. Eigentlich waren es weniger Begegnungen, sondern eher Gespr\u00e4che, denn es waren zwei Telefonate. Telefongespr\u00e4che sind nach wie vor f\u00fcr mich etwas kritisch, denn wenn ich es nicht ausdr\u00fccklich dazu sage, werde ich meistens falsch erkannt, also als vermeintlicher Mann, und entsprechend auch angesprochen. Das nervt, doch wirklich ver\u00fcbeln kann ich es den Personen auf der anderen Seite nicht, denn durch das Telefon haben sie wenig andere Ansatzpunkte als die Stimme und die ist, leider leider, nach wie vor doch offenbar erkennbar m\u00e4nnlich. Ja, kann man etwas dran tun und ja, ich habe es aus Zeitmangel und auch eigener Faulheit bisher ziemlich damit schleifen lassen.<!--more--><\/p>\n<p>Nun, also, heute hatte ich mal wieder zwei Telefonate, doch beide hatten einen gewissen Twist, eine Verdrehung gegen\u00fcber dem normalen Alltag. Es fing damit an, dass ich beim Service unseres privaten DSL Anschlusses anrufen wollte, um etwas Bestimmtes zu unserem Anschluss zu erfahren. Was spielt keine Rolle, wohl aber, dass der Anschluss noch &#8222;auf meinen Mann&#8220; l\u00e4uft. Ich habe noch nicht alles auf den neuen Vornamen umgestellt, teils auch schlicht aus Faulheit. Gerade bei dem DSL Anschluss ist mir das v\u00f6llig egal, Hauptsache ist, er funktioniert und das tut er nun auch schon fast sieben Jahre lang. Doch nun wollte ich etwas wissen, Service per eMail gibt es nicht mehr, also musste ich anrufen. Genauer gesagt, &#8222;mein Mann&#8220; musste anrufen, denn der ist ja Inhaber des Anschlusses.<\/p>\n<p>Das war schon ein ganz sch\u00f6n sonderbares Gef\u00fchl. Es fing damit an, dass ich bewusst das unbewusste Achten auf meine Stimme abstellen wollte, denn ich wollte ja wieder glaubw\u00fcrdig m\u00e4nnlich klingen und nicht versuchen, nicht so zu klingen. Schon seltsam, da beschwere ich mich, dass ich am Telefon meist falsch erkannt werde und nun mache ich mir Gedanken? Na egal. Dann rief ich dort also an und, er konnte ja nichts daf\u00fcr, der Mitarbeiter sprach mich immer wieder mit Herr Faerber an. Nun klar, so steht es da bei ihm! Doch jedesmal durchzuckte es mich, fast wie kleine elektrische Stromst\u00f6\u00dfe &#8211; Zing! &#8211; irgendwie komisch, das Gef\u00fchl sagt falsch, der Verstand sagt richtig, zumindest in dieser Situation. Als ich auflegte f\u00fchlte ich mich in der Tat etwas seltsam. Da wurde ich nun seit fast zwei Jahren zum ersten mal wieder als Herr angesprochen, werte mich nicht dagegen und spielte das Spiel mit. Wie ging es mir damit?<\/p>\n<p>Nur hatte ich nicht viel Zeit, um dar\u00fcber nachzudenken, denn da klingelte das Telefon, Firmenanschluss, es meldete sich eine Arbeitsvermittlungsagentur, die immer mal wieder nachfragen, ob wir Arbeitskr\u00e4fte f\u00fcr bestimmte Projekte &#8222;verleihen&#8220; w\u00fcrden. Nein, machen wir nicht. Die rufen allerdings so selten an, dass auch die von Nicole noch nichts wussten. Die Dame ging also davon aus, dass sie Herrn Faerber am Apparat h\u00e4tte und ich hatte gerade keine Lust, ihr das nun irgendwie zu erkl\u00e4ren und korrigierte sie nicht. Normalerweise ist das Gespr\u00e4ch nach ein paar Minuten vorbei, wenn ich dann sage, dass wir keine Leute verleihen. Doch irgendwie waren wir uns sympathisch und sie blieb noch kurz dran und lie\u00df sich von mir drei vier technische Fragen zu dem angefragten Projekt erkl\u00e4ren. Das war in der Tat ganz nett und als Kerl h\u00e4tte ich vermutlich nicht so reagiert, sie h\u00e4tte es wahrscheinlich gar nicht erst gefragt. Ich merke, dass ich gerade mit fremden Menschen anders umgehe als zuvor.<\/p>\n<p>Nachdem wir also nun schon so nett geplaudert hatten, sagte ich es ihr am Ende doch, dass ich nun eigentlich Frau Nicole Faerber sei und ob sie dies denn mal in den Unterlagen korrigieren k\u00f6nne. Ich konnte sie nicht sehen, aber in meiner Vorstellung zuckte sie nichteinmal mit auch nur einer einzigen Wimper. Ja, nat\u00fcrlich k\u00f6nne sie das \u00e4ndern, werde sie gleich notieren, also Anrede Frau und Vorname? Ach ja, Nicole, kein Problem. Und dann verabschiedete sie sich freundlich &#8222;Bis bald, Frau Faerber.&#8220;. Sie hat sofort umgeschaltet, ohne auch nur einen Anflug von Verwirrung, einer R\u00fcckfrage oder dem leisesten Zeichen von Skepsis. Ich h\u00e4tte sie eigentlich mal fragen sollen, wie sie das so toll macht? Ob sie schon andere trans* Klient_innen hatte? Auch so einfach kann es sein.<\/p>\n<p>Diese beiden Ereignisse hinterlassen mich nachdenklich. Ich m\u00f6chte Ergr\u00fcnden, wie es mir damit ging. Wie war das, als ich am Telefon wieder Mann sein sollte? Was empfand ich dabei, bis auf das die Anrede ungewohnt war und sich aus eben jener Gewohnheit heraus falsch anf\u00fchlte. War da noch mehr? F\u00fchlte sich das schlecht an? Oder gar gut? Was verbinde ich damit? Oder dem Fehlen davon?<\/p>\n<p>Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass es sich vor gut zwei, drei Jahren auch komisch anf\u00fchlte, zum ersten mal als Frau angesprochen zu werden, mit dem anderen Vornamen und so weiter. Klar ist das komisch, denn 42 Jahre lang waren das nicht mein Pronomen und mein Vorname und nun sollte ich auf einmal darauf reagieren. Aber es f\u00fchlte sich, trotz des anf\u00e4nglichen Widerstands wegen der fehlenden Gewohnheit, gut an. Es hatte etwas von externer Best\u00e4tigung und diese f\u00fchlte sich nicht nur gut, sondern auch richtig an. Jetzt wieder als Mann angesprochen zu werden ist nat\u00fcrlich auch zuerst wieder komisch, denn das ist jetzt nicht mehr Gewohnheit, es ist ein Ausnahmefall geworden und f\u00fchlt sich als solcher bereits komisch an. Als Ablehnung konnte ich es in diesen beiden F\u00e4llen auch nicht deuten, die Anrufer_innen wussten es ja nicht besser, ganz im Gegenteil war ja die Arbeitsvermittlerin am Ende super lieb damit.<\/p>\n<p>Doch da war mehr als nur Ungewohntes. Letztes Jahr im April waren wir zum Urlaub all inclusive auf den Canaren. Wir wollten faul sein, was uns auch gelang. Das war auch gleichzeitig mein erster Strandurlaub seit meiner Transition und als solcher etwas spannend. Ich schrieb damals nach ein paar Tagen von der Insel nach Hause:<\/p>\n<blockquote><p>Meine Mutter fragte etwas besorgt, wie denn die Akzeptanz hier so sei.<br \/>\nIch schrieb ihr Folgendes:<\/p>\n<p>Sicherlich gibt es hier und da schonmal einen Blick. Doch alleine daran<br \/>\nkann man noch lange nicht sagen, was die da gucken. Wir gucken ja<br \/>\nschlie\u00dflich auch andere Leute an? Hat das dann etwas damit zu tun, dass<br \/>\nwir deren Geschlecht in Frage stellen wollen? N\u00f6. Sicherlich sind wir<br \/>\nhier ein eher ungew\u00f6hnliches Paar, aber hier gibt es genug andere<br \/>\nschr\u00e4ge Typen. Wir haben zumindest noch keinen einzigen Gespr\u00e4chsfetzen<br \/>\nhinter unserem R\u00fccken geh\u00f6rt oder mitbekommen, der irgendetwas damit zu<br \/>\ntun haben k\u00f6nnte. Ich glaube auch nicht, dass soetwas in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00df<br \/>\nirgendwo stattfindet.<\/p>\n<p>Einzig etwas bl\u00f6d wird es immer, wenn ich meine Papiere vorlegen muss &#8211;<br \/>\neinchecken f\u00fcr das Flugzeug oder im Hotel. Gesagt hat da auch keiner<br \/>\netwas, doch mir ist es schlicht etwas unangenehm. Was w\u00fcrde ich denn<br \/>\nwohl sagen, wenn die dann mal nachfragen w\u00fcrden? Das w\u00e4re dann schon<br \/>\neine recht d\u00e4mliche Situation &#8211; die nur zum Gl\u00fcck noch nicht auftauchte.<br \/>\nAlso kein wirkliches Problem.<br \/>\nEigentlich gar kein Problem<\/p>\n<p>Und das genau ist auch wieder ganz spannend, denn ich werde mir dadurch,<br \/>\nund zus\u00e4tzlich dadurch, dass wir hier mal aus unserem normalen Umfeld<br \/>\nl\u00e4ngere Zeit heraus kommen, zunehmend bewusst, wie ich mich von &#8222;denen&#8220;,<br \/>\nalso &#8222;den Kerlen&#8220; entferne. Ich gucke sie mir an, die Silberr\u00fccken, die<br \/>\nBreitbeinigen, mit Wampe und Imponiergehabe, die meist Ungl\u00fccklichen,<br \/>\ndie Grummeligen, und werde mir immer st\u00e4rker bewusst, dass ich keiner<br \/>\nvon ihnen bin. Und ich genie\u00dfe das sehr.<\/p>\n<p>Indem ich das und die Unterschiede zwischen &#8222;denen&#8220; und mir feststelle,<br \/>\nstelle ich aber auch fest, dass ich eigentlich nie wirklich einer von<br \/>\nihnen war. Dort dazu zu geh\u00f6ren war f\u00fcr mich immer mit einer<br \/>\nKraftanstrengung verbunden. Es war anstrengend und erm\u00fcdend, die<br \/>\ngef\u00fchlten Erwartungen zu erf\u00fcllen. Das habe ich nat\u00fcrlich zuvor nicht so<br \/>\nbemerkt, merke daf\u00fcr aber nun den Unterschied. Denn nun hat alles eine<br \/>\nwunderbare Leichtigkeit, es flie\u00dft einfach dahin, ganz nat\u00fcrlich, so wie<br \/>\nes scheinbar sein sollte. Sehr viel Stress und Unbehagen, die zuvor f\u00fcr<br \/>\nVerunsicherung und eben diese st\u00e4ndige kraftraubende Anspannung sorgten,<br \/>\nsind vorbei.<\/p>\n<p>So sitzen wir nun also hier in der Bar, ich betrachte die Menschen um<br \/>\nmich herum und freue mich einfach, dass ich da bin. Ich schaue sie mir<br \/>\nan, die Kinder, M\u00e4dchen, Jungen, M\u00e4nner und Frauen und stelle langsam<br \/>\nfest, wie sich mein Zugeh\u00f6rigkeitsempfinden neu orientiert &#8211; ich bin<br \/>\nkeiner mehr von ihnen, ich bin jetzt eine von ihnen. Wieder ein<br \/>\nSt\u00fcckchen weiter also.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was ich dort in diesem Urlaub feststellte war, das ich langsam und zum ersten mal in meinem Leben ein echtes Zugeh\u00f6rigkeitsempfinden zu meiner geschlechtlichen Gruppe entwickelte &#8211; oder nein, nicht entwickelte, ich entdeckte es eher. Zuvor hatte ich gar keines, denn ich passte in keine der beiden Gruppen, also war das eine falsch und das andere nicht erreichbar. Jetzt ist das eine immernoch falsch, aber das andere ist erreichbar und ich kann mich endlich immer weiter dort verwurzeln. Und das ist es glaube ich, was sich heute so komisch anf\u00fchlte. Es war nicht nur die ungewohnte Ansprache, sondern ein Ziehen und Zerren an meinen Wurzeln. Nein, aus dieser Erde m\u00f6chte ich nicht mehr gezogen werden, hier geh\u00f6re ich hin, hier soll ich sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute hatte ich zwei irgendwie doch interessante Begegnungen. Eigentlich waren es weniger Begegnungen, sondern eher Gespr\u00e4che, denn es waren zwei Telefonate. Telefongespr\u00e4che sind nach wie vor f\u00fcr mich etwas kritisch, denn wenn ich es nicht ausdr\u00fccklich dazu sage, werde ich meistens falsch erkannt, also als vermeintlicher Mann, und entsprechend auch angesprochen. Das nervt, doch wirklich ver\u00fcbeln kann ich es den&#8230; <a href=\"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/begegnungen-flashback\/\">Read more &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,6],"tags":[],"class_list":["post-650","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-trans"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/650","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=650"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/650\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=650"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=650"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=650"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}