{"id":96,"date":"2014-11-12T21:43:00","date_gmt":"2014-11-12T20:43:00","guid":{"rendered":"http:\/\/nf.dpin.de\/?p=96"},"modified":"2014-11-12T21:43:00","modified_gmt":"2014-11-12T20:43:00","slug":"gutachterpflicht-ja-oder-nein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dpin.de\/nf\/gutachterpflicht-ja-oder-nein\/","title":{"rendered":"Gutachterpflicht, ja oder nein?"},"content":{"rendered":"<p>\nTransidente (transsexuelle) Menschen werden Stand heute immernoch an verschiedenen Stellen gezwungen, sich durch Psychologen oder Psychiater begutachten zu lassen. Dieser Umstand wird immer wieder kritisiert und ich komme eigentlich auch immer mehr zu dem Schluss, dass dies aufh\u00f6ren sollte.\n<\/p>\n<p>\nSolange wir \u00fcber die Gutachter f\u00fcr die Vornamens- bzw. Personenstands\u00e4nderung (V\u00c4\/P\u00c4) sprechen, bin ich eigentlich mittlerweile der Ansicht, dass diese v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig sind. Wof\u00fcr sollten die gut sein? Dem Staat hat das Geschlecht und die Geschlechtsidentit\u00e4t einer Person v\u00f6llig egal zu sein. Es gibt in Deutschland keine Rechtsnorm mehr, die einen Unterschied im Geschlecht machen w\u00fcrde. Wenn ein Mensch sich selbst einem anderen, als dem amtlich eingetragenen, Geschlecht zugeh\u00f6rig f\u00fchlt, dann hat der Staat das als Fakt hinzunehmen und zu akzeptieren. Es gibt keinen rational haltbaren Grund, warum der Staat das nicht k\u00f6nnen sollte.\n<\/p>\n<p>\nDavon auch mal ganz abgesehen, sind die Implikationen aus dem Gutachterzwang alleine bereits Grund genug, dies abzulehnen. Organisationen wie <a href=\"http:\/\/www.tgeu.org\/\" rel=\"nofollow\" target=\"_blank\">TGEU<\/a> und andere machen hier sehr gute Arbeit und haben ein gutes Erkl\u00e4rungsmodell dazu entwickelt,<br \/>\ndass auf der Charta der Menschenrechte der EU basiert. Denn schlussendlich l\u00e4uft es darauf hinaus, dass die staatliche Einschr\u00e4nkung eine Einschr\u00e4nkung der Pers\u00f6nlichkeitsrechte darstellt. Wenn man sich das bis zum Ende \u00fcberlegt, ist das alles eigentlich auch v\u00f6llig schl\u00fcssig.\n<\/p>\n<p>\nEs l\u00e4uft letztenendes auf \u00e4hnliche Argumentationslinien hinaus, wie die Forderung nach der Homo-Ehe und deren Gleichstellung etc. Heute w\u00fcrde hierf\u00fcr auch kein Mensch ein psychologisches Gutachten verlangen. Man stelle sich das mal vor, f\u00fcr die Eintragung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft m\u00fcssten die Partner ein Gutachten vorlegen, dass bescheinigt, dass der Wunsch zu einem homosexuellen Zusammenleben schon l\u00e4nger als drei Jahre besteht und voraussichtlich nicht mehr revidierbar ist. W\u00e4re das plausibel? Nein, eher nicht. Es ist eine ganz pers\u00f6nliche Entscheidung dieser Personen, sich ihrer eigenen sexuellen Orientierung entsprechend zu verhalten, zu geben und eben auch eine Partnerschaft einzugehen. Warum soll dies bei transsexuellen Menschen anders sein? F\u00fcr den Staat sollte es keinen Unterschied machen und f\u00fcr nichts anderes<br \/>\nsind diese vom Gericht beauftragten Gutachten da.\n<\/p>\n<p>\nDie jetzt aktuelle L\u00f6sung in D\u00e4nemark finde ich dahingehend eigentlich sehr gut. Man stellt einen Antrag beim lokalen Einwohnermeldeamt, \u00e4hnlich einer Ummeldung nach einem Umzug. Nach sechs Monaten ruft das Amt nochmal an und fragt nach, ob man sich noch sicher sei und wenn man dies bejaht, dann werden Vorname und Personenstand umgehend ge\u00e4ndert. Fertig. Was spr\u00e4che gegen eine solche L\u00f6sung?\n<\/p>\n<p>\nEtwas anderes ist der medizinische Teil, da w\u00fcrde ich in der Tat etwas vorsichtiger sein. Einen formalen Amtsakt, wie die \u00c4nderung von Vorname und Personenstand, kann man relativ leicht wieder r\u00fcckg\u00e4ngig machen &#8211; wenn man es denn m\u00f6chte. Einmal entfernte oder stark ver\u00e4nderte K\u00f6rperteile sind aber kaum zu rekonstruieren und wenn, dann<br \/>\nnur mit enormen Aufwand, Kosten und recht zweifelhaftem Ergebnis. Hier muss also wirklich klar sein, dass dieser Entschluss, soweit es zu einem Zeitpunkt \u00fcberhaupt absicherbar ist, gesichert und anhaltend ist. Wie dies erfolgen kann, ja, das ist auch mir noch ein gro\u00dfes R\u00e4tsel. Ob das z.B. in jedem Fall Psychologen oder Psychiater sein m\u00fcssen, dessen bin ich mir nicht sicher. Ich bin mir sogar grunds\u00e4tzlicher unsicher, ob diese es \u00fcberhaupt k\u00f6nnen? Au\u00dferdem gibt auch andere massiv ver\u00e4ndernde Eingriffe und Ma\u00dfnahmen, bei denen man sich nicht einer vorherigen langwierigen psychologischen Begutachtung unterwerfen muss. Warum m\u00fcssen es dann<br \/>\nausgerechnet wir Transsexuelle?\n<\/p>\n<p>\nEs ist allerdings auch richtig, dass die ganze Transition f\u00fcr einige eine enorme Herausforderung darstellt. Sie sind oder werden dabei psychisch instabil und k\u00f6nnen<br \/>\nHilfe gut gebrauchen. F\u00fcr sie sollte es immer die M\u00f6glichkeit geben, eine Begleitung zu bekommen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob dies unbedingt f\u00fcr alle Pflicht sein <i>muss<\/i>. Auch heute schon gibt es hier eine zwei Klassen &#8222;Medizin&#8220;, wir kennen das ja bereits aus anderen Bereichen. Die Privatpatienten haben dieses ganze Theater mit MDK und dem Kampf um Indikationen oder wom\u00f6glich medizinische Gutachten meistens nicht und es funktioniert trotzdem.\n<\/p>\n<p>\nMan k\u00f6nnte nat\u00fcrlich einwenden, dass damit vielleicht Personen ausgesiebt werden k\u00f6nnten, die nicht wirklich transident sind und dies aus anderen Gr\u00fcnden anstreben &#8211; sagen wir z.B. mal Fetischismus. Ja, das k\u00f6nnte sein. Doch w\u00fcrde man die in jedem Fall erkennen? Und damit dann auch davon abhalten k\u00f6nnen? Ich glaube nicht. Man kann es im Internet hoch und runter lesen, was man Gutachtern und Psycho* erz\u00e4hlen muss, damit man dies oder jenes bekommt. F\u00fcr solche Leute schafft man also damit h\u00f6chstens eine leicht zu \u00fcberwindende H\u00fcrde, aber keinesfalls ein echtes Hindernis. Warum es dann allen schwer machen und damit auch denen, die es f\u00fcr ihre weitere Existenz wirklich m\u00fcssen?\n<\/p>\n<p>\nIch kenne zugegebenerma\u00dfen nicht viele, aber darunter ist zumindest kein Beispiel f\u00fcr ein Scheitern wegen fehlender Begleitung oder Begutachtung. Wohl aber kenne ich einige, die gerade wegen der Zwangs-Begutachtung, Bremsen und teils widerlichen Infragestellung ihrer Identit\u00e4t in Schieflage geraten sind. W\u00e4re es dann nicht vielleicht ratsamer, zum Wohle derer mit hohem Leidensdruck die paar Trittbrettfahrer in Kauf zu nehmen und sie ggf. an anderer Stelle zu &#8222;b\u00e4ndigen&#8220;?\n<\/p>\n<p>\nEines der Probleme, dass ich an dieser Stelle sehe ist, dass wir sozusagen im vorauseilenden Gehorsam denken. Wir wissen gar nicht, was passieren w\u00fcrde und wieviele es dann vielleicht mehr w\u00fcrden, wenn man den ganzen Prozess etwas offener gestalten w\u00fcrde. Ich habe wirklich ein Problem damit, mir sozusagen &#8222;Mi\u00dfbrauch&#8220; der M\u00f6glichkeiten<br \/>\nvorzustellen. Welcher Mann w\u00fcrde sich schon freiwillig einer gegengeschlechtlichen Hormontherapie unterziehen wollen? Brustimplantate einsetzen lassen? Oder gar eine geschlechtsangleichende Operation (GaOp) anstreben? Welche Frau w\u00fcrde gerne Testosteron nehmen wollen, einen Bart wachsen lassen, die Br\u00fcste amputieren und wom\u00f6glich<br \/>\neine Phallo-Plastik haben wollen?\n<\/p>\n<p>\nDenn das ist ja schlussendlich das einzige, worum es bei den Begutachtungen und K\u00e4mpfen mit Kassen und MDK geht: Die kostenintensiven medizinischen angleichenden Ma\u00dfnahmen. Ob die Personen, die dies w\u00fcnschen, tats\u00e4chlich die Rolle leben, wird doch nur zur Bedingung f\u00fcr die Bewilligung der Kosten\u00fcbernahme gemacht. In dem<br \/>\nMoment, in dem die Bewilligung unterschrieben ist, endet abrupt das Interesse. Ist es dann wirklich eine gelebte F\u00fcrsorge(-pflicht) der Kassen? Oder ist es nicht doch nur das, was viele eher vermuten, n\u00e4mlich eine k\u00fcnstlich geschaffene H\u00fcrde, um Kosten zu sparen?\n<\/p>\n<p>\nIch bin heilfroh, das ich z.B. auch nicht durch alle diese Reifen springen musste &#8211; nach einem 1\/2 Jahr war der ganze Spuk vorbei. Gut, ich hatte keine gro\u00dfe GaOp sondern &#8222;nur&#8220; eine Orchiektomie, aber trotzdem. Meine Kasse wollte ausdr\u00fccklich keine Gutachten &#8211; das h\u00e4tten sie ja selbst zahlen m\u00fcssen. Den Rest haben die \u00c4rzte gemacht. Ich bin zu ihnen hin, habe geschildert was ich warum anstrebe, die haben sich alles angesehen und dann die \u00dcberweisungen und Begleitscheiben geschrieben, genau wie bei jeder anderen \u00e4rztlichen Behandlung auch, die durchaus auch irreversible Folgen haben kann. Ich bin mittlerweile wirklich sehr unsicher, warum ausgerechnet um Transsexualit\u00e4t so ein \u00fcberdimensionaler Aufriss gemacht wird? Es gibt sicherlich ein Dutzend oder mehr andere Probleme, die \u00e4hnliche Ma\u00dfnahmen erfordern, aber v\u00f6llig anders gehandhabt<br \/>\n werden. Ich bin v\u00f6llig daf\u00fcr, dass Transidente jede sinnvolle Hilfe ohne gro\u00dfe H\u00fcrden in Anspruch nehmen k\u00f6nnen sollen &#8211; bspw. eine psychotherapeutische Begleitung. Aber ich denke, es sollte in Eigenverantwortung geschehen, ohne Zwang, solange keine direkte Notwendigkeit dazu besteht.\n<\/p>\n<p>\nIch muss aber auch ganz ehrlich zugeben, dass ich dieses Thema noch viel zu wenig recherchiert habe. Ich bin Ingenieurin und Naturwissenschaftlerin. Ich habe ein Problem mit Entscheidungen, die als Grundlage ein &#8222;ich glaube&#8230;&#8220; haben. Ich m\u00f6chte etwas deutlich belastbareres haben. Die Sache mit den Gutachtern und dem Prozess im Falle der V\u00c4\/P\u00c4 ist recht gut beackert und eine belastbare Linie und Kette bis hinunter zu den Menschenrechten konstruierbar. Das reicht mir eigentlich, wenngleich ich gestehen muss, diese Kette noch nicht v\u00f6llig verinnerlicht zu haben, d.h. ich kann sie ad-hoc nicht wiedergeben, wei\u00df aber wohl, wo ich es nachlesen kann. Der medizinische<br \/>\nTeil ist da deutlich schwieriger. Hierzu m\u00fcsste man mal mit \u00c4rzten sprechen, Fallbeispiele, Abw\u00e4gungen zu anderen &#8222;Ver\u00e4nderungen&#8220; und dem Vorgehen dabei etc. Das w\u00e4re mal eine sehr interessante Arbeit! Nur leider auch sehr aufw\u00e4ndig und zeitintensiv und gerade diese Zeit habe ich akut nicht &#8211; leider.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Transidente (transsexuelle) Menschen werden Stand heute immernoch an verschiedenen Stellen gezwungen, sich durch Psychologen oder Psychiater begutachten zu lassen. Dieser Umstand wird immer wieder kritisiert und ich komme eigentlich auch immer mehr zu dem Schluss, dass dies aufh\u00f6ren sollte. Solange wir \u00fcber die Gutachter f\u00fcr die Vornamens- bzw. 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