Wie spreche ich eine (Trans*-)Person an?

Diese Frage wird oft gestellt, gestern noch “er” heute “sie” (oder umgekehrt), woher weiß ich denn nun, wie ich es richtig machen soll? Einige sagen dann “Na entsprechend der Erscheinung der Person!”. Doch ganz so einfach ist das aber nun doch nicht. Wir dürfen nicht vergessen, dass es eine ganze Reihe von Trans* Menschen gibt, denen man ihre Geschlechtsidentität nicht ansehen kann. Überhaupt ist dieses “ansehen können” doch eines der größten Probleme überhaupt? Da wird die geschlechtliche Identität eines Menschen von Äußerlichkeiten abhängig gemacht. Was soll passieren, wenn diese Äußerlichkeiten nicht eindeutig sind? Oder wenn sie nicht zur persönlichen individuellen Identität passen – wofür die Betroffenen im Zweifelsfall ja auch gar nichts können – sie sind eben so, wie sie sind. Der Schluss von äußerlichen Merkmalen auf die geschlechtliche Identität ist, meiner Meinung nach, eines unserer größten Probleme. Daraus folgt viel Leid. Am drastischsten kann man es am Beispiel intersexueller Säuglinge aufzeigen, die noch heute auf Anraten von Ärzten einem der zwei Geschlechter zwangs-zugewiesen werden, weil eben ihre äußerlichen Merkmale eine sonstige eindeutige Zuordnung nicht zulassen. Eindeutigkeit wird erwartet und teils erzwungen. Eindeutigkeit impliziert Konformität, das Entsprechen zu einer Erwartungshaltung, die eine Haltung und Erwartung Dritter an diese Personen ist und nicht ihre eigene Selbsteinschätzung. Die Fremdeinschätzung wird höher bewertet, als das Selbstempfinden.

Nein, ich denke nicht, dass es so funktionieren sollte.

Natürlich kann man es als Trans* Person äußerst schmeichelhaft empfinden, wenn man richtig gelesen wird. Kann ich sehr gut verstehen. Doch wir können dies nicht zur Norm erheben, denn wir setzen damit jene extrem unter Druck, die dieses Glück, aus welchen Gründen auch immer, nicht haben. Nicht jede_r wird automatisch richtig gelesen. Gerade Transmänner, vor allem die, die noch vor einer Hormonersatztherapie stehen oder diese sogar, aus welchen Gründen auch immer, ablehnen, leiden enorm darunter, immer wieder falsch gelesen zu werden. Studien belegen, dass die Suizid-Rate bei Transfrauen während und nach der Transition steigt, während sie bei Transmännern vor der Transition am höchsten ist. Dies hat Gründe und einer davon ist sicherlich, dass sie vor einer HET meist noch falsch gelesen werden. Transmänner macht dies einfach fertig. Sie haben auch kaum Möglichkeiten, im Gegensatz zu Transfrauen, äußerliche Merkmale entsprechend zu betonen – die Kleidung wird als unisex interpretiert und Make-Up ist keine Option. Dinge, mit denen Transfrauen ganz klare Akzente setzen könnten. Noch komplizierter wird es für die wachsende Gruppe der Gender-Fluid, Agender oder Gender-Queer. Wie sollten diese jemals ein spontanes Erkennen erreichen?

Ich habe auf all das auch keine universelle Antwort, weiß aber, dass ein bloßer Schluss von äußerlichen Merkmalen auf die Indentität der Person viel zu kurz greift. In einigen Fällen mag dies klappen und sogar auch der Selbsteinschätzung und Definition der betreffenden Person entsprechen. In vielen Fällen aber nicht und in diesen sorgt es für ein unnötiges Unbehagen beider beteiligter Parteien oder sogar eine persönliche Verletzung und Grenzüberschreitung bei der falsch einsortierten Person.

Wenn also nur der Hauch eines Zweifels besteht, einfach nachfragen. Ich gebe mir lieber selbst die vermeintliche Blöße nicht in der Lage zu sein, jemanden einschätzen zu können, als unwissend Annahmen zu treffen und damit das Risiko einzugehen, die Person zu verletzen. Also frage ich nach der gewünschten Ansprache und dem Pronomen. Das wäre für mich die beste Maxime, die man geben kann. Es zeigt den Respekt vor der Selbsteinschätzung der Person, denn nur sie selbst kann eindeutig die eigene Identität beschreiben. Alles was Dritte können, sind Fremdzuschreibungen.

Dieses Vorgehen ist aber gesellschaftlich nicht üblich und sorgt bei Menschen, die mit dieser Thematik noch nicht in Berührung gekommen sind, für Verwirrung und vielleicht sogar Verstörung. Ich halte es daher für eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, ein breites Verständnis dafür zu schaffen, dass geschlechtliche Identität nichts ist, dass man einer Person einfach ansehen kann. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass es allgemein als falsch erkannt werden muss, dass jede Person selbst für eine solche Eindeutigkeit zu sorgen hätte. Wenn ich falsch gelesen und dann auch noch entsprechend angesprochen und behandelt werde, dann darf es nicht mein Fehler sein und zu meinem Problem werden. Ich möchte nicht dazu gezwungen werden, selbst diese Eindeutigkeit herstellen zu müssen – eine Eindeutigkeit, die auf Annahmen beruht, die ich vielleicht gar nicht teile. Ich möchte, dass Annahmen durch Fakten ersetzt werden und der einzige dafür zulässige Fakt ist die eigene Selbsteinschätzung.